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22.5.2018 : 5:53 : +0200

Brachland

Wie die Stadt das Land dominiert

Die Romantisierung des Landlebens in der Psyche der Städter ist für Agrarsoziologen ein fester Lehrsatz. Tumb aber urig – so das Bild der Landbevölkerung. Das ist auch heute nicht anders, vom Musikantenstadl bis zu den Hochglanzmagazinen rund ums angebliche Landleben. Seit jeher - außer bei den Römern - galt der Landmann wenig, Zivilisation war woanders, auch wenn der ländliche Überfluss sie erst schafft. Spätestens seit Marx war die „Idiotie“ des Landlebens zu bekämpfen, da stimmen sogar kapitalistisch geprägte Postmoderne zu: Bauer sein ist vormodern.

Diese Vorstellung hat Konsequenzen.

Weltweit bersten die Megacities, viele der 1,2 Mrd. Hungernden, meist auf dem Land lebend, werden dieses fliehen. Ein Grund unter vielen: die Agrarforschung wurde Jahrzehnte lang vernachlässigt. Auch hierzulande knirscht es im einst so soliden sozialen Gebälk des Landes, denn die Definitionsmacht sitzt in den Städten, ob zu Kultur oder zu Subvention. Auf dem Land herrscht Mangel: an Ärzten für Menschen und Tiere, es fehlen Dorfläden, Postfilialen und Breitbandanschluss. Schnelle Handynetze und Hot-Spots lohnen nur in Städten. Schüler auf dem Land verbringen für das Turboabi ihre Jugend im Bus.

 

Die Segnungen der Zivilisation, sie drohen, am Land vorbei zu gehen. Kein Wunder, dass immer weniger Menschen auf dem Land leben wollen, verständlich, dass Bauern ihren Boden nicht für Autobahnen oder olympische Winterspiele hergeben. Denn auch von dieser Wertschöpfung profitieren vor allem die Städte.

 

Damit nicht genug: Städtisch geprägte industrielle Techniken haben längst zu einem kulturellen Wandel auch in der Landwirtschaft geführt. Extreme Spezialisierung der Betriebe, Umbau der Agrarfakultäten zu Laboren für „Lösungen“, der Landwirt, der fast soviel Aufwand für Anträge, Dokumentation und kontrolliert werden hat, wie für sein Kerngeschäft, das ist der Rahmen. „Städtische“ Lebensart erobert die Landwirtschaft und zwingt dieser, teils staatlich gefördert, Denken, Praktiken und Produkte auf. Das mag beim joystickgelenkten Trecker sinnvoll sein, oft schießt es aber über das Ziel hinaus: Im Hygienewahn wird dann Mist zur Fäkaldüngung, gilt satellitengesteuerter Landbau als umweltschonend und wird in jedes Schaf ein elektronischer Chip implantiert, um die Glaubwürdigkeit der Ernährungsindustrie zu verbessern. Und statt Erbsen und Bohnen zu züchten, widmet sich die Forschung lieber dem aufwändigen Lasern von Unkraut, oder projektiert Hochhäuser für Schweine mit Balkon. Diese Lücke der Praxisrelevanz schließt der Import von Soja. Gentechnik ist in solchen Denkschemata nur logisch.

 

Die Entfremdung durch mentale Verstädterung wächst auch beim Verbraucher. Die Reaktionen auf den in der Demeter-Bundesgeschäftstelle ausgestellten, getrockneten Kuhfladen sprechen Bände. Ebenso, dass kaum jemand Bienen von Wespen unterscheiden kann, oder alle erwarten, dass Tomaten hart und schnittfest sind. Essen? – Kommt aus dem Supermarkt. Folge: Industrie-Landwirtschaft. Auch die aktuelle Veganer-Debatte ist ein Indiz für diese Distanz –der Verzicht auf tierischen Dünger ruft nach konventionellem Landbau.

 

Die Probleme der Landwirtschaft weltweit beruhen auf einer fehlenden Wertschätzung, einem mangelnden Verständnis der Bedingungen der agrarischen Erzeugung und Lebensweise. Bis in die Ökonomie hinein. Das von den Bauern immer stärker abfließende Eigenkapital sammelt sich in den Städten. Landnahme, z. B. durch Investoren oder durch die Zwangsbeimischung von Agrosprit an der Tankstelle ist Ausdruck dieses Machtverhältnisses. Zeit, dass die Zivilgesellschaft ihr Verhältnis zur Landwirtschaft klärt, z.B. jetzt, wo die EU- Agrarpolitik reformiert wird.

 

Michael Olbrich-Majer in Info3 Nr.9 ,September 2010, www.info3.de