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24.4.2017 : 17:16 : +0200
Editorial

Obstkultur und ökologische Alternativen

In diesem Frühsommer blickten nicht nur Kartoffel- und Gemüsebauern mit Bangen auf ihre Felder. Auch für Obst- und Weinbauern war das ein schwieriger Einstieg in die Anbausaison und sie haben, anders als viele Landwirte, keine Ersatzkulturen, aus denen sich Deckungsbeiträge ziehen ließen. Dauerregen freut vor allem die Schadpilze, weil äußerliche Mittel, wie sie der Ökolandbau verwendet, nicht lange auf dem Blatt bleiben.

 

Bleibt die Frage nach den inneren, vorbeugenden Mitteln, als da wären Bodenpflege, Sortenwahl, vorbeugende Pflanzenstärkung, z. B. Kompost und Kompostauszüge, Schnitt und generell ein ökologisches Gleichgewicht. Hilft im konkreten Fall nur bedingt, ist aber auch – gerade bei Dauerkulturen, bedeutender noch als bei einjährigen Feldfrüchten.

 

Es zeigt sich auch, dass Sonderkulturen isolierte Einrichtungen sind, dass es schwer ist, sie als einen ökologisch selbst für einen gewissen Ausgleich sorgenden Organismus einzurichten. Biologisch-dynamisch besteht immerhin der Anspruch, dahingehend einige Schritte zu unternehmen, und manche Winzer oder Obstbauern haben es auch schon mit eigener Wiederkäuerhaltung versucht.

 

Letztlich wird auch im Gespräch mit konventionellen Kollegen deutlich, dass die ökologische geführten Sonder- und Dauerkulturen unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck stehen, was die Anzahl der Überfahrten mit Behandlung und vor allem die Anwendung von Kupfer angeht. Hier sehen manche eine Achillesferse des Ökolandbaus, z. B. in Fachgremien, in denen man gemeinsam über Pestizidreduktion nachdenkt. Die Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau hat daher die Fortentwicklung ihrer Praktiken gerade in einer Broschüre dokumentiert. Forschungsbedarf besteht allemal reichlich.

 

Der Markt für Bio-Obst und -Gemüse wächst rasch und überproportional. So kommen beispielsweise 15 Prozent der hierzulande verkauften Äpfel und Birnen aus ökologischem Anbau, davon ca. 14 Prozent aus Demeter-Betrieben. Eine entsprechend mit öffentlichen Mitteln ausgestattete Forschung wäre eigentlich adäquat, aber der Ökolandbau ist da immer noch Stiefkind.

 

Ein weiteres Thema neben der besseren Integration ins Ökosystem ist die Züchtung. Das beste Apfelbuch in unserer Bibliothek listet weit über dreihundert Sorten, fast neunhundert kennt Wikipedia. Angebaut werden hierzulande im Wesentlichen fünf, und die zudem auf der gleichen, kleinwüchsigen Unterlage. Hier besteht offensichtlich Entwicklungsbedarf. Die für den Intensivobstbau mit Chemie erfundene Apfelhecke könnte auf Dauer eine Sackgasse sein. Streuobst ist da keine Alternative, weil nur für Most, aber etwas zwischen Hecke und Hochstamm?

 

Obstgehölze haben auch eine Funktion in der Landschaft: Früh im Jahr beleben sie diese, bieten durch Blütenreichtum ein Angebot für die Insektenwelt. Früher kam der russische Hochadel eigens zur Obstbaumblüte bzw. zum Frühjahrsurlaub an die hessische Bergstraße! Später im Jahr bieten die Gehölze dann süße Nahrung auch für Tiere. Auch das Wildobst wie Holunder, Schlehe, wilde Pflaume, Weißdorn, Eberesche hat diese Funktion, macht sich gut als Bestandteil einer biodynamischen Hecke oder als Strauch im gestalteten Waldrand. Nicht zuletzt könnten andere Formen im Obstbau ein Thema für die sich vermehrenden Initiativen der Solidarischen Landwirtschaft sein.

 

Ihr

Michael Olbrich-Majer