18.10.2018 : 1:07 : +0200

Editorial

Von Bienen und Bauern

Bienen sind trendy. Sowohl im Praktischen – es gibt zahlreiche „Jung“-imker, die in den letzten Jahren mit der Bienenhaltung angefangen haben. Als auch im Symbolischen, mit der Biene als Repräsentantin der Insektenwelt, die unter der modernen, einseitigen und pestizidlastigen Landwirtschaft leidet.

 

Zwei gute Nachrichten mit je einem „aber“: Der Abwärtstrend bei den Hobby- und Nebenerwerbsimkern ist zwar umgekehrt, was die Zahl der Köpfe, aber nicht, was die Zahl der Bienenvölker angeht. Und das Wegsterben der Insekten wird durch ein Symbol bislang nicht verhindert. Die Biene steht zwar im Fokus, ihre für die Bestäubung oft ebenso nützlichen Kolleginnen aus der gleichen Ordnung des Tierreiches aber verschwinden still aus unserer Flur.

 

Wie bei anderen Nutztieren zeigt sich auch bei der Biene, dass wir Menschen mehr vom Nutzaspekt als von den Selbsterhaltungsbedürfnissen des Tieres ausgehen. So ist die Imkerei in den letzten fünfzig Jahren – auch die der Kleinimker – in der Betriebsweise eher industriell geworden: der Bienenkorb, aber auch der Bien selbst als praktischer Baukasten. Ein Aspekt, der bei den Demeter-Imkern schon länger kontrovers diskutiert wird. Nicht nur unter dem Blickwinkel Tierwohl – was braucht die Biene, nicht nur unter dem Aspekt Ganzheitlichkeit – Demeter-Imker bemühen sich um ein wesensgemäßes Verständnis des Bien und eine entsprechende Betriebsweise –, sondern auch vor dem Hintergrund der Bienengesundheit. Nicht alles, was den Bien stresst, ist auf Pestizide und ausgeräumte blütenarme Landschaften zurückzuführen. Komplett unterschätzt wird beispielsweise bisher das Thema Bienenwohnung – und die Biozönose darinnen; mehr darüber im Imkergespräch in der Mitte unseres Heftes.

 

Manche Imker fordern konsequenterweise Pflegegeld, damit sie die Bienen in ihrer nützlichen Funktion weiterhin und wesensgemäß halten können – mit allem Nutzen für Bestäubung und Vielfalt in der Landschaft. Apropos: Die Landschaften werden immer blütenärmer – Bienenfutter ist, zumal im Sommer, rar. Und da geht es auch um Vielfalt, denn nicht allein der Nektar, sondern auch der Pollen ist hier relevant. Hier sind Flächennutzer bzw. Eigentümer zur Blühpflanzensaat aufgerufen: ob auf kommunalen Flächen, im eigenen Garten oder in der Landwirtschaft. Immer „effizientere“ Verfahren mindern auch im Ökolandbau die Vielfalt und das Futterangebot, ein Beispiel sind die meist schon im frühen Mai kahlgeschorenen Wiesen, bevor sie je blühen.

 

Der Klimawandel trägt ebenfalls zum Problem bei: Durch die rasche Verschiebung der jahreszeitlichen Ereignisse kommen nicht nur die Zugvögel aus dem Tritt, sondern auch die Insektenwelt. Vielleicht legen die Bienen auch hierzulande bald eine Sommerpause ein wie in semiariden Ländern.

 

Der Nutzen der Bienen lässt sich berechnen über die Bestäubungsleistung bzw. den Ausfall derselben: Wir sehen am diesjährigen Obstbehang, was mehr geht, wenn die Bienen witterungsbedingt viel Zeit zum Pollenverteilen haben. Doch haben in biodynamischer Betrachtung die Bienen noch weitere Aufgaben in Landschaft und Landwirtschaft: Das auch über tote Immen sich verteilende Bienengift vermittelt belebende Impulse ganz im Sinne von Steiners Hinweis auf die Aufgabe der Insektenwelt in seinem Vortrag zu naturintimen Wechselwirkungen im Kurs für Landwirte. Und die Bienen verteilen Nektarhefen, die offenbar auch die Verdauung der Kühe fördern. Aber nur da, wo es blüht! Biene, Kuh und Regenwurm gehören übrigens zur Grundausstattung einer als Organismus gedachten Landwirtschaft. Gute Gründe für eine engere Zusammenarbeit von Bauern und Imkern.

 

Ihr

Michael Olbrich-Majer