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18.10.2018 : 1:37 : +0200
Feld & Stall

Unabhängigkeit in der Rinderzucht – Wie ist das umsetzbar?

Wer horntragende Kühe erhalten will, muss selbst züchten

von Christoph Metz

 

Jedes Jahr um den Jahreswechsel kann man die Berichte der Zuchtverbände in den landwirtschaftlichen Wochenblättern und Fachzeitschriften studieren. Jedes Jahr erhalten die Betriebe mit den höchsten Leistungen ihre Auszeichnungen und fast jedes Jahr sind die durchschnittlichen Milchleistungen der Herdbuchkühe wieder gestiegen. Und jedes Jahr wird es deutlicher, dass die Entwicklung für Biobetriebe – und die werden ja zum Glück immer mehr – sehr bedenklich sind. Für Kühe, die 9.000, 10.000, 11.000 und mehr Liter Milch im Jahr geben, muss das Futter mindestens zur Hälfte aus hochkonzentrierten, leichtverdaulichen Bestandteilen, also aus Getreide, Soja- und Rapsschrot, Mais bzw. gemischtem Kraftfutter bestehen. Gezüchtet wird mit Hilfe der Künstlichen Besamung. Die Mütter der Besamungsbullen sind extrem hochleistend und häufig noch sehr jung. Es erfolgt gewissermaßen eine Selektion auf Kraftfutterverträglichkeit, denn nur Kühe, die dieses Futterregime aushalten, können es zur Bullenmutter schaffen. Hohe Milchleistungen sind nach wie vor das wichtigste Zuchtziel der Zuchtorganisationen, seit Einführung der genomischen Selektion mehr denn je.

Fragwürdige Form der Rindviehhaltung

Aus ethischer, gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Sicht bzw. auch im Hinblick auf den Klimaschutz, ist eine Milcherzeugung auf Basis hoher Mengen Kraftfutters kritisch zu hinterfragen. Das Verdauungssystem der Wieder­käuer ist spezialisiert und angewiesen auf die Verdauung von Rohfaser. Es ist sozusagen der „Sinn“ des Rindes, Futter von Grünland und Leguminosen, die für eine nach­haltige Ackerfruchtfolge notwendig sind, zu verwerten. Getreide und Eiweißfrüchte sollten der Ernährung der Menschen und der monogastrischen Nutztiere vorbehalten sein.

Zucht auf Hornlosigkeit auf dem Vormarsch

Demeter-Betriebe halten ganz bewusst Rinder, denn sie sind unerlässlich für einen funktionierenden Betriebsorganismus. Da es bisher und vermutlich auch in absehbarer Zukunft nur wenige aus Biobetrieben kommende bzw. für Biobetriebe ausgewählte Besamungsstiere gibt, stehen viele Demeter-Betriebe, die auf die künstliche Besamung (KB) angewiesen sind, vor einem Di­lemma. Sie müssen Samen von Stieren einsetzen, die eine überdurchschnittliche Milchleistung vererben. Dann stehen Tiere auf dem Hof, die häufig nicht zum Fütterungssystem des Betriebes passen, denn der Einsatz hoher Mengen Kraftfutters ist durch Richtlinien begrenzt und meist auch nicht gewünscht. Hinzu kommt, dass bei den großen Milchviehrassen zuneh­mend auf die Zucht von genetisch hornlosen Tieren gesetzt wird. Demeter-Betrieben wird deshalb mittelfristig kaum noch Samen von Hörner vererbenden Stieren zur Verfügung stehen. Es sei denn, sie halten verstärkt seltene bzw. kleine, teilweise vom Aussterben bedrohte Rinderrassen. Laut Einschätzung von Experten ist bei diesen Rassen in absehbarer Zeit die Zucht mit Hornlos-Vererbern unwahrscheinlich (Siehe dazu LE 1/2017, S. 30–33).

Unabhängig durch Natursprung

Die einfachste Möglichkeit für Bio- und Demeter-Betriebe, sich von den Entwicklungen in der konventionellen Rinderzucht zu lösen, ist die Züchtung mit eigenen Stieren im Natursprung. Solange die Bullen oder Stierkälber dafür von einem persönlich bekannten Betrieb zu­gekauft werden oder gar aus der eige­nen Herde stammen, ist die Vererbung von Hornanlagen gesichert­.

Auswahlkriterien für Zuchttiere

Daneben können für den Biobetrieb wesentliche Zuchtziele und Kriterien bei der Auswahl der Bullenmütter berücksichtigt werden, die in die herkömmliche Indexzucht nicht einfließen.

  • Grundfutterverwertung und Grundfutterleistung: Gute Grundfutterkühe erkennt man unter anderem an einer tiefen Flanke und einer breiten Brust und daran, dass sie häufiger und länger fressen als vergleichbare Tiere der Herde. Sie sind mit dem zur Verfügung stehenden Futter zufrieden und passen ihr Fress- und Wiederkäuerverhalten dem Futter an. Sie liegen zudem gerne und viel und nutzen diese Zeit für intensives Wiederkäuen. Solche Verhaltenseigenschaften sind ziemlich sicher erblich, können aber auch durch Nachahmung weitergegeben werden. Deshalb sind Kühe, die gut fressen, sehr wertvoll für die Herde. Was ist aber eine gute Grundfutterleistung? Eine Faustregel kann sein, dass eine Kuh mit sehr gutem Grundfutter und ohne Kraftfutter das Zehnfache ihres Körper­gewichts pro Jahr an Milch gibt.
  • Gesundheit und Fruchtbarkeit: Jeder Milchviehhalter wünscht sich gesunde und möglichst unkomplizierte, unauffällige Kühe. Gesunde Kühe erkennt man daran, dass sie praktisch nie eine Therapie benötigen, problemlos jedes Jahr trächtig werden und niedrige Zellzahlen aufweisen. Unabhängig von der Fütterung, die die Gesundheit der Kühe maßgeblich beeinflusst, gibt es immer wieder Individuen, die sehr geringe Klauen- und Stoffwechselprobleme haben. Diese Tiere sollten verstärkt in der Züchtung berück­sichtigt werden.
  • Langlebigkeit: Kühe mit vielen Laktationen erfordern weniger Tiere, um den Bestand zu remontieren und ermöglichen dadurch geringere Aufzuchtkosten. Hinzu kommt, dass in Herden mit solchen Kühen weniger Jungtiere integriert werden müssen, was sich positiv auf die Ruhe im Stall auswirkt. Wichtig ist das gerade bei Hörner tragenden Kühen.
  • Guter Charakter: Umgängliche Tiere, die interessiert und den Menschen­ zugewandt sind, erleichtern das Management wesentlich. Sie bringen im Gegensatz zu aggres­siven oder ängstlichen Individuen Ruhe in die Herde, lassen sich weniger leicht stressen und sind dadurch­ auch weniger krankheitsanfällig. Zwar hängt ein umgängliches Verhalten der Tiere auch mit einer guten Mensch-Tier-Beziehung und einem artgerechten Handling zusammen, häufig wird aber unterschätzt, dass der Charakter eines Tieres auch erblich ist. Bei einer betriebs­eigenen Zucht kann dem Beachtung geschenkt werden, im Gegensatz zu den Zuchtprogrammen größerer Populationen.

Praktisches Vorgehen

Soll mit der Stierhaltung zur Zucht begonnen werden, ist es gut, sich zunächst über die persönlichen Zuchtziele Gedanken zu machen. Wie sieht die Idealkuh für den Betrieb­ aus? Am besten ist es, diese Kriterien aufzuschreiben. In einem zweiten Schritt sollte geschaut werden­, ob es in der eigenen Herde Kühe gibt, die dem Idealtyp nahe kommen. Von diesen Tieren können­ ein bis zwei Stierkälber aufgestellt und großgezogen werden. Ist der Jungstier groß genug, kann entweder die ganze Herde oder es kann – wenn man zunächst vor­sichtig sein möchte – die Hälfte der Herde mit ihm gedeckt und die andere­ Hälfte künstlich besamt werden. Man beobachtet und vergleicht, wie sich die Nachkommen entwickeln und wählt aus anderen Linien weitere Stierkälber aus, und so fort. Sollten in der eigenen Herde keine passenden Stiermütter zu finden­ sein, kann man sich auf anderen­ Betrieben, die ähnlich wirtschaften und füttern, umsehen und von dort Stierkälber zukaufen.

 

In den letzten Jahren haben viele Betriebe auf diese Weise mit der Zuchtstierhaltung begonnen und damit gute Erfahrungen gemacht. Sie sind mehr und mehr von der künstlichen Besamung wegge­kommen und haben sich dadurch unabhängig gemacht. Sie züchten zudem Tiere, die immer besser zum eigenen Betrieb passen. Mit der soge­nannten Kuhfamilien- oder Linien­zucht (beschrieben in LE 1/2016) ist auch noch eine Weiterentwicklung des Systems möglich und somit eine langfristige eigenständige Rinderzucht bzw. die Loslö­sung von der herkömmlichen Zucht und ihren nicht zum Ökolandbau passenden Zielen.

Autor

Christoph Metz ist Bio-Berater in Südbayern.

Freibrechts 17, 87509 Immenstadt,

Tel: 08379-7960, christoph.metz(at)gmx.net

Literatur: Praktische Hinweise zur Zucht in folgenden Publikationen

  • Stierhaltung für die Zucht im Biobetrieb. Leitfaden zur Optimierung von Haltung, Zucht und Management.
    M. Haugstätter, C. Metz, A. Spengler Neff; FiBL, Demeter Bayern, 2007, FiBL Merkblatt 1468
    kostenfreier Download: https://shop.fibl.org/de/artikel/c/rindvieh/p/1468-stierzucht.html
  • Kuhfamilienzucht. Eine Methode für die biologische Milchviehzucht.
    FiBL-Merkblatt Nr.1686, 20 S. A4, 7,00 Euro, bzw. auf www.demeter.de
  • Linienzucht mit Kuhfamilien, herausgegeben von Baars/Schmidt/Olbrich-Majer,
    Verlag Lebendige Erde, Darmstadt, 2005/2016, 162 Seiten, 20 €,