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18.10.2018 : 1:27 : +0200

Was heißt hier kosmisch?

Eine irdische Betrachtung zur Landwirtschaft

 

Lassen Sie uns den üblicherweise diffusen biodynamischen Verweis auf den Kosmos mal tiefer hängen: Ohne Universum geht´s ja gar nicht – wir leben schließlich auf einem Planeten! Der Verweis aufs kosmische ist also eine Binsenweisheit, von modernen Menschen meist komplett ignoriert, Astrophysiker mal ausgenommen.

 

Dass bei uns auf der Erde alles so zauberhaft kommod eingerichtet ist, nehmen wir heutzutage als selbstverständlich, dabei rotieren da draußen Sphären und Welten, um alles in Balance zu halten. Noch bei Kepler hieß das Sphärenharmonie. Und haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sonne und Mond für uns Irdlinge gleichgroß wirken?

 

Biodynamische Bauern betrachten das aber lieber konkreter. Der Sonne großes Feuer speist alles Leben hier: Licht und Wärme, Teilchenströme und elektromagnetische Winde fauchen auf die Erde zu – gut dass diese eine Atmosphäre hat. Dieser Puffer – im kosmischen Zusammenhang entstanden, schützt das Leben, macht es im Wechselspiel mit den Sonneneinflüssen erst möglich. Auch ist die aktuelle Zusammensetzung der Atmosphäre nicht selbstverständlich: Sie hat sich, beeinflusst durch das Leben auf dem blauen Planeten und angeregt durch die Sonne in Phasen so entwickelt, weshalb manche Wissenschaftler von der Erde als einem Organismus sprechen. Steiner nennt die Erde einen Lebens-Keim im Makrokosmos. Lassen wir dieses Bild auf uns wirken, erschließt sich die eigentliche Aufgabe der biodynamischen Landwirte.

 

Auch die Photosynthese ist ein Wunder, die irdische Antwort auf die Sonne. Deren Licht bestreicht - rein geometrisch - jeden Ort der Erde anders! Unser Zentralgestirn strukturiert den irdisch-kosmischen Quell des Lebens durch Licht, Form, Rhythmus, Aufrechtstreben. Nicht die Liebe ist es, die das Leben in Schwung hält, sondern die Photosynthese, so hieß es mal in einem Wissenschaftsblatt. Vielleicht ist diese Sonnen-Erdenbeziehung ja eine Art kosmische Liebe.

 

Das trifft sich mit der Einstellung vieler biodynamische Bauern: Sie vertrauen in die Natur, statt sie misstrauisch zu bekämpfen, fürchten nicht ständig feindliche Attacken auf ihre Felder, sondern bauen auf die Überschusskräfte von Mutter Erde, die es nur richtig handzuhaben gilt: Liebe zu den Wesen mit denen, man umgeht und seien es nur Regenwürmer.

 

Jedes terrestrische Phänomen entsteht aus der unterschiedlichen, jeweils typischen Mischung von kosmischen und irdischen Einflüssen. Diese richtig zu balancieren, dazu ist in der Landwirtschaft das Organ der Boden. Doch diese einst entwickelte Kunst der Bauern wurde ihnen fortschrittshalber abgewöhnt, wie der Umwelthistoriker Uekötter in seinem Buch “Die Wahrheit ist auf dem Feld“ schreibt: Nur die Ökobauern haben dieses Wissen bewahrt und weiter entwickelt. Ökolandbau- und Umweltverbände propagieren heute Ansätze einer„solaren Landwirtschaft“. Die zielt darauf ab, die Abhängigkeit unserer Ernährung von Öl und von energieintensivem Mineraldünger zu überwinden, CO2 zu speichern durch Humusbildung in Acker- und Grünland, weniger Fleisch zu verzehren, Energie zu gewinnen aus Abfallstoffen und Zwischenfrüchten statt aus Monokulturen. Sie arbeitet mit dem komisch-solaren Hier und Jetzt, statt sich auf endlichen fossilen Vorräten auszuruhen. Für diese Anpassung muss auch der Öko-Landbau weiter entwickelt werden. Doch werden eher Milliarden verplempert, um Wasser auf dem Mars zu suchen, statt mit viel weniger Geld weltweit Menschen darin zu unterweisen, wie sie mit ökologischen Verfahren Böden fruchtbar machen. Es scheint, als greife der Mensch lieber für seine Ewigkeit nach den Sternen, statt fürs Überleben aller in die Erde.

 

Michael Olbrich-Majer in Info3, September 2011, www.info3.de