Portrait

Diversität in Plantage und Vermarktung

Demeter-Äpfel und Birnen von Latz

von Adrian T. Meyer

Im Saarland wechselten sich in den vergangenen Jahren heiße, trockene Sommer mit Phasen extremer Niederschläge ab. Wasser ist auf der Obstplantage Latz also stets ein kritischer Faktor – entweder ist zu wenig davon da oder zu viel in zu kurzer Zeit. In diesem Spannungs­feld müssen sich Christian und Johannes Latz zurechtfinden; gemeinsam leiten die beiden Brüder die Latz Obstplantage, die sie von ihrem Vater übernommen haben. Was sie für sich fest­gestellt haben: Es ist wichtig, zum richtigen Zeitpunkt vorausschauend zu investieren, um Probleme abzufedern, bevor sie in voller Stärke auftreten.

Bei einer neuen Sorte sollte man nicht gleich 10 ha pflanzen, sondern probieren, beobachten und nicht gleich alle Pferde ins Rennen schicken!“  Johannes Latz

Lieber Obstbauer statt Steuerberater

Ihr Vater, Friedrich Latz, hatte 1956 die ersten Obstbäume am Südhang des Hoxbergs bei Saarwellingen im Saarland gepflanzt. Dass es so weit kam, war nicht selbstverständlich; seine Mutter wollte unbedingt, dass er „etwas Gescheites“ lernt und Steuerberater wird. Friedrich Latz hatte aber schon länger den Wunsch gehabt, entweder Förster oder Obstbauer zu werden. Der Kompromiss: er studiert BWL und schaut danach weiter. Aus dem „Weiterschauen“ wurde die Gründung eines Obstbaubetriebs, der mittlerweile in der zweiten Generation geführt wird. 1982 stellte er die Obstplantage nach Bioland-Richtlinien um. Nach der Hofübernahme durch Christian und Johannes Latz entschieden sich die beiden 1997, den Betrieb biologisch-dynamisch zu bewirtschaften und traten dem Demeter e.V. bei. In der Biodynamik sahen die beiden die konsequenteste Art der Kulturführung im ökologischen Landbau. Ihr Vater, breit interessiert an jeder Art von ökologischem Anbau, hatte bereits mit biodyn-Präparaten, Rührfass und Kompost experimentiert, von daher war der letzte Schritt hin zur Umstellung nur ein kleiner. Für den Kompost und das tierische Element im Betriebskreislauf beziehen sie Pferdemist von einem Hof in der Nachbarschaft. Die Präparate kaufen sie zu: „Wir rennen eh schon der Arbeit hinterher, alles können wir leider nicht selbst machen“, so Johannes Latz.

Äpfel mit Birnen vergleichen

In den vergangenen Jahren waren – nach mehreren Jahren mit trockenen Sommern – vor allem die Phasen extremer Niederschläge eine große Herausforderung. Vor allem die Äpfel reagieren sehr empfindlich auf den Nässestress an den Wurzeln. Sind die Bäume geschwächt, geben sie einen bestimmten Geruch ab; dieser lockt den Ungleichen Holzbohrer (Xyleborus dispar) an, der Löcher in die Stämme bohrt und eine Pilzerkrankung verbreitet. Letztes Jahr haben die Brüder über 1200 Bäume auf den Hängen verloren. Der Befall ist zuerst nur schwer ersichtlich, man muss explizit nach den kleinen Löchern suchen, die der Schädling hinterlässt. Innerhalb von sechs Wochen sterben dann die Bäume ab; ganze Reihen wurden so dahingerafft. Birnen hingegen haben diese Probleme nicht – die Quittenunterlage der Birnen kommt gut mit Nässe klar.

Wie also auf das Problem reagieren? Mehr Arbeit in die Äpfel stecken, Drainagen legen und gegen die Witterungsbedingungen ankämpfen? Christian und Johannes haben sich dann dafür entschieden, mehr Birnen anzupflanzen. 2024 pflanzten sie 2000 Bäume der Sorte Abate. Ihre Berater waren zwar etwas zurückhaltend bei der Empfehlung der Sorte, aber bisher sind die beiden Betriebsleiter zufrieden. Johannes betont, dass man den Mut haben muss, Dinge auszuprobieren; man solle von Fall zu Fall entscheiden und die Nerven behalten. Aber: „Bei einer neuen Sorte sollte man nicht gleich 10 ha pflanzen, sondern probieren, beobachten und nicht gleich alle Pferde ins Rennen schicken“, erklärt er die Vorgehensweise auf dem Betrieb. Gerade testen sie eine neue Sorte, Talga Beauty, und schätzen deren Robustheit.

Sie hatten auch versucht, anderes Obst auf der Plantage anzubauen; das betreiben sie aber mittlerweile nur noch als Hobby. Weder Steinobst (Pfirsiche und Aprikosen) noch Tafeltrauben haben sich dort besonders wohl gefühlt. Erst haben Pilzerkrankungen zu viele Probleme bereitet, dann die Wespen; die Trauben waren auch zu kleinbeerig und hätten sich nicht gut verkauft. Zwar gab es auch ein paar gute Pfirsichjahre, alles in allem war es aber eher ein Glücksspiel. Da der Betrieb ein guter Standort für Äpfel und Birnen ist, haben die Brüder entschlossen, sich darauf zu konzentrieren.

Die Bienen und die Blühstreifen

Eine Zeit lang wollten die Boskoop-Äpfel nicht richtig tragen. Als Johannes im Frühjahr durch die jungen Bäume am Hang lief, fiel ihm auf, dass er gar kein Summen hörte; und das, obwohl sie ein paar Beuten mit Honigbienen hatten. Nach kurzer Untersuchung stellte sich heraus, dass die Bienen viel zu beschäftigt waren, auf den Nachbarfeldern den Raps zu besuchen, um Nektar zu ernten. Die Blüten der Bäume haben sie gar nicht interessiert und so fand fast keine Bestäubung statt. Die Lösung? Seit einigen Jahren hält der Hof Wildbienen, speziell die roten und gehörnten Mauerbienen (Osmis Bicornis und Osmia Cornuta). Die Vorteile gegenüber der normalen Honigbiene sind der geringere Flugradius und vor allem die Vorliebe für Obstblüten sowie die Abneigung gegen Raps. Auch sind sie bei niedrigeren Temperaturen bereits aktiv. Auf der Anlage bieten sie diesen Bestäubern über 40 Niststandorte an. Im Winter werden die Nistbrettchen geöffnet, die Bienenkokons entnommen, von Parasiten befreit und im Kühlhaus bis zum nächsten Jahr sicher gelagert. Mauerbienen unterstehen als Wildbienen zwar dem Bundesnaturschutzgesetz, die Latz Obstplantage hat allerdings eine Ausnahmegenehmigung für Entnahme und Handel – interessierte Gärtner und Obstanbauer können dort auch Mauerbienenkokons erwerben.

Vor etwa zehn Jahren stellten sich die beiden Betriebsleiter die Frage, wie man mehr Biodiversität in die Anlage bringen könnte. Denn selbst nach biologisch-dynamischen Prinzipien bewirtschaftet, bleibt eine Obstplantage weitestgehend eine Monokultur. Einfach auf das Mulchen zu verzichten war keine Option; zu groß das Risiko durch Wühl- und Feldmäuse, die die Wurzeln der Bäume abfressen. Ein höherer Bewuchs bedeutet für diese unerwünschten Besucher Schutz vor Greifvögeln. Als Kompromiss entstand die Idee des Blühstreifens in der Fahrgasse; dafür wurde extra ein neuartiges Mulchgerät konzipiert. Mit dieser Methode konnten sie 15% der Fläche in Blühflächen verwandeln. In Zusammenarbeit mit dem Julius-Kühn-Institut (JKI) Darmstadt führten sie einen vierjährigen Freilandversuch durch und die Bonituren zeigten eine Zunahme von Nützlingen in den Bereichen der Plantage, die mit Blühstreifen eingesät waren. Im Spätsommer werden dann auch die Blühstreifen gemulcht, damit die Greifvögel besser an die Mäuse rankommen.

„Gegen zu viel Wasser ist man fast machtlos; Trockenheit ist deutlich besser zu managen.“  Johannes Latz

Zwischen Trockenheit und Frost

Im Tal, etwa 45 Höhenmeter unter den Plantagen auf den Hängen, liegt eine Quelle auf den Betriebsflächen. Nach mehreren trockenen Sommern haben sich Johannes und Christian gefragt: „Wie kriegen wir das Wasser den Berg hinauf?“ 2018 haben sie angefangen, auf dem Hügel ein Reservoir anzulegen und flächendeckend in der Plantage Tröpfchenbewässerung zu verlegen. Da sie, auch aus Gründen der Nachhaltigkeit, nicht damit zufrieden waren, die Pumpe für das Reservoir mit dem Dieselmotor des Schleppers zu betreiben, investierten die beiden 2021 in eine auf dem Quellteich schwimmende Solarpumpe. Es war die erste ihrer Art in Deutschland und wurde von der Hamburger Firma Lorentz Solar Pumps für rund 15.000€ erworben und installiert. Das appgesteuerte System funktioniert gut und hat sich laut Johannes bereits bezahlt gemacht; bei entsprechender Sonneneinstrahlung liefert die Pumpe bis zu 120m³ Wasser pro Tag.

Als die Herausforderungen mit Blütenfrösten im Frühjahr zunahmen, konnte das installierte System von Reservoir und Solarpumpe ebenfalls Abhilfe schaffen. Anfangs hatte der Betrieb versucht, dieses Problem mit Frostschutzkerzen abzuwenden, was allerdings zu arbeitsaufwendig und zu teuer war. Eine Frostschutzberegnung, so sie erstmal eingerichtet ist, ist die kostengünstigere und nachhaltigere Alternative. Der Knackpunkt hier ist die große Menge an Wasser, die in kurzer Zeit benötigt wird: im Gegensatz zur Tröpfchenbewässer­ung braucht man überall gleichzeitig das Wasser; und wo nur einen Durchlauf von etwa 20m³ Wasser pro Stunde hat, liegt er bei der Frostberegnung bei rund 350m³ Wasser pro Stunde. Das große, angelegte Reservoir reicht aber aus, um diese Mengen bereitzustellen. „Bei solchen Problemen heißt es: investieren oder russisch Roulette spielen“, kommentiert Johannes den monetären Aufwand, den eine solche Anlage beim Aufbau mit sich bringt. Kollegen im Rheinland ist in den vergangenen Jahren alles abgefroren, der Obstplantage Latz hat das System ein paar Mal fast das gesamte Jahreseinkommen gerettet. Mittlerweile läuft die Anlage jedes Jahr.

Vermarktung nach Deutschland und Luxemburg

In den vergangenen Jahren gab es einige Hochs und Tiefs in der Vermarktung. Als die Corona-Pandemie in Deutschland ankam, konnte sich der damals noch existierende Hofladen vor Kunden kaum retten; Gesundheit und gutes Essen standen plötzlich hoch im Kurs. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine trat dann das Gegenteil ein: die Kunden – vor allem die deutschen – haben plötzlich intensiv am Essen gespart, lediglich die „Überzeugungskunden“ sind geblieben. Vergangenes Jahr, im Oktober 2024 haben sie dann den Hofladen dauerhaft geschlossen. Aus gesundheitlichen Gründen und weil Christian in Rente ging, wurde die eigentlich für Ende 2024 geplante Schließung zwei Monate vorgezogen. Zu unsicher waren die Absätze im Laden, außerdem hat er viel Arbeitskraft gebunden; eine Teilzeitkraft war nur für die Betreuung und den Verkauf angestellt. Auch andere Hofläden und Bio-Fachgeschäfte in der Gegend mussten schließen – schwindende Kundschaft und Altersaufgabe sind hier die primären Faktoren. Was noch gut läuft, sind Wochenmärkte und vor allem Abokisten.

Heute vermarkten die Betriebsleiter ihre Erzeugnisse lokal über die Öko-Marktgemeinschaft Saar-Pfalz-Hunsrück, einem Zusammenschluss verschiedener Bioland- und Demeter-Betriebe aus diesen Regionen; Dennree und BIOGROS in Luxemburg sind weitere Abnehmer. Seit 2017 ziert auch das Logo „fair & associative“ von BIOGROS mehrere Produkte des Hofes und bescheinigt den Kunden eine solidarische Zusammenarbeit „vom Acker bis auf den Teller“. Die Vermarktung ins Nachbarland zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Kunden eine höhere Kaufkraft haben und stärker an der Herkunft der Lebensmittel interessiert sind. Etwa ein Drittel der auf dem Hof erzeugten Lebensmittel geht an den LEH in Luxemburg.

Interessant bleiben!

Laut Johannes ist es bei der Vermarktung wichtig, für die Kunden interessant zu bleiben. Bei der Auswahl der neuen schorfresistenten und lange lagerfähigen Sorte Natyra waren erst Bedenken vorhanden, weil sie nicht so viel Tonnage bringt, wie andere Apfelsorten; der leckere Geschmack der Äpfel wird aber von den Kunden honoriert und die Sorte bringt höhere Preise ein.

In der Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau e.V. (FÖKO), in der die beiden engagiert sind, gibt es geteilte Meinungen, wie in die Zukunft gegangen werden soll in puncto Anbau und Vermarktung. Manche Obstbauern und Vermarkter wollen lieber klein bleiben und sich um ihre lokalen Kunden kümmern, andere wollen wachsen, um mehr Umsatz zu generieren. Ein FÖKO-Kollege hat die Brüder mal gefragt, warum sie nicht weiter wachsen wollen. Johannes‘ Antwort: „Wachsen bedeutet zwar mehr Umsatz, aber auch mehr Fläche, mehr Arbeit, mehr und andere Maschinen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“

Auf der Obstplantage Latz geht es den beiden Betriebsleitern immer darum, möglichst frühzeitig neue Problemfelder zu erkennen und mit entsprechenden Plänen und Investitionen zeitig dagegen anzugehen. Eine der nächsten Herausforderungen ist die energetische Versorgung der Kühlhäuser im Angesicht steigender Energiekosten. Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach rentiert sich bald kaum noch, da die Einspeisevergütung endet und die Energiespitzen somit nicht rentabel verkauft werden können. Der Plan ist, Batteriespeicher anzulegen, um die erzeugte Energie größtmöglich selbst zu verbrauchen; zur energetischen Unabhängigkeit reicht das allerdings nicht, mit ein paar Batterien kann man keine Kühlhäuser betreiben.

Adrian T. Meyer
Redaktion Lebendige Erde; adrian.meyer(at)demeter.de

Betriebsinfo: Latz Obstplantage

  • Demeter seit 1997
  • Saarwellingen im Saarland, 250-300 m ü NN; 10,4° C, 950 mm Jahresniederschlag im Durchschnitt
  • Boden: sandiger Lehm, 45 Bodenpunkte
  • 16 ha Eigenflächen (davon 1 ha Hof, Gebäude, Wasserspeicher, Weiher), 4 ha Pachtland; Anbauflächen ca. 2,5 km vom Betrieb entfernt
  • Obstsorten: Äpfel (u. a. Elstar, Boskoop, Natyra), Birnen (u. a. Abate, Williams Christbirne, Alexander Lucas)
  • Vermarktung über Öko-Marktgemeinschaft Saar-Pfalz-Hunsrück, BIOGROS und Dennree nach Deutschland und Luxemburg
  • Arbeitskräfte: 2 Betriebsleiter, 1 Mitarbeiter in Festanstellung, 2 Mitarbeiter in Teilzeit, sechs Saisonarbeiter