Die Wahrheit ist auf dem Feld

(Heinz Grotzke) Mit diesem Buch präsentiert die Geschichtswissenschaft eine sorgfältig erarbeitete Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft im 20. Jahrhundert, eine objektive und detaillierte historische Beschreibung der Landwirtschaft der letzten hundert Jahre. Ich habe es gekauft, weil es auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft erwähnt. Es informiert über die Entwicklung vom Bauerntum zur Agrarwissenschaft.

Innerhalb der letzten hundert Jahre wandelte sich der Bauernhof von einem selbständigen Organismus zu einem Unternehmen, das von der Düngerindustrie, der chemischen Industrie sowie der Maschinenindustrie abhängig geworden ist und inzwischen auch von der Saatgutindustrie. Die wissensgeschichtliche Herangehensweise fragt, inwieweit der einzelne Bauer in seinem Wissen mit dieser Entwicklung Schritt halten konnte. Schon beim ersten Ansturm auf das Bauerntum nach dem Ersten Weltkrieg schickte die Düngerindustrie Berater zum Bauern, um Anwendung und Mengen der neuen Düngemittel zu empfehlen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Berater der chemischen Industrie das gleiche System der Vermarktung, und auch die Hersteller von Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen schlossen sich an. Das Wissen des Bauern wurde so von den Industrieberatern erweitert, wenngleich der Ausführung der Empfehlungen weder immer Erfolg beschert war, noch waren sie wissenschaftlich hinreichend untermauert. Regelmäßig gab es Warnungen vor allem seitens der Wissenschaft, aber sogar von der Industrie selbst. So publizierte 1937 die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Stickstoff-Industrie für das landwirtschaftliche Beratungswesen: „Der Boden ist nicht Ausbeuteobjekt eines einzelnen, sondern er muss so bewirtschaftet werden, dass seine Fruchtbarkeit auch für die nachfolgenden Geschlechter erhalten bleibt, ja sogar nach Möglichkeit noch gesteigert wird.“

In der landwirtschaftlichen Praxis versuchte man, sich an den fortlaufenden Wandel anzupassen. Die sinkende Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten glich einer Revolution, die notwendigerweise einen Umstieg in die Technik zur Folge hatte. Bald folgte die Trennung von Ackerbau und Viehzucht, und diese zusammen mit Spezialisierung und Rationalisierung führte dazu, dass der Bauer im Denken mehr oder weniger geistig verarmte, und das eigene Wissen vernachlässigte. Die Basis des nachhaltigen Ackerbaus, der fruchtbare Boden, blieb bis zum heutigen Tage ein Mysterium für Wissenschaft und Bauerntum. Ein Kapitel des Buches, betitelt mit „Die Chemisierung der Landwirtschaft. Von der produktiven Überlegenheit des Unwissens.“ deutet den Weg der Landwirtschaft an, der zunehmend Verstimmung in der Öffentlichkeit hervorrief, aber auch die Landwirte ihren Wurzeln entfremdete.

Mit der Einführung von DDT nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine neue Epoche des chemischen Pflanzenschutzes, die allerdings wegen der dauerhaften Folgeschäden bald zu Ende ging. Auch die Aktivität des Bodenlebens wurde dadurch reduziert und ein Abbau von Humus verursacht. In den USA war die Biologin Rachel Carson die erste Person, die in Ihrem Buch Silent Spring vor den Gefahren von DDT warnte.

Die Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise wird in dem Buch auf neun Seiten objektiv beschrieben, mehrmals im weiteren Text erwähnt und von allen ökologischen Alternativen deutlich hervorgehoben. In der Zusammenfassung seiner Studie kommt der Autor zu dem Schluss: „Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wirkten die Landwirte nicht wie Sieger der Geschichte, sondern eher wie Überlebende, die sich verunsichert fragten, ob sie sich über ihre Persistenz überhaupt freuen sollten.“

Die mit 1939 Quellennachweisen belegten Aussagen zeigen die ungeheure Arbeit des Autors Frank Uekötter, Historiker und Direktor des Rachel Carson Centers. Mit dem vorliegenden Band beginnt dieses internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung der Ludwig-Maximilians-Universität und des Deutschen Museums in München seine Schriftenreihe „Umwelt und Gesellschaft.“ Es ist benannt nach der amerikanischen Biologin und Autorin, die mit ihrem Buch Silent Spring den Protest gegen DDT auslöste.

Eine persönliche Bemerkung zum Abschluss. Anfang der 1950er Jahre wurde im Staat New York auf Long Island DDT mit Hubschraubern zur Schädlingsbekämpfung verspritzt. Zwei Lehrerinnen der dortigen Waldorfschule klagten vor Gericht, um die Aktion zu stoppen. Die Verhandlungen zogen sich über Monate hin und fanden starke öffentliche Unterstützung. Marjorie Spock, eine der Lehrerinnen und Schwester des berühmten Kinderarztes Benjamin Spock, der als Zeuge in den Verhandlungen auftrat, wie auch Rachel Carson, waren jedoch nicht in der Lage, den Prozess zu gewinnen. Wenige Jahre danach wurde DDT in den USA verboten, weil sich die Behauptungen der Kläger als richtig erwiesen. Erst wenige Jahre zuvor, 1948, hatte Paul Müller, ein Forscher beim Chemiekonzern Geigy, für die Entwicklung von DDT den Nobelpreis für Physiologie und Medizin erhalten. Dieser Irrweg der Wissenschaft blieb in den folgenden Jahrzehnten nicht der einzige.

 

Frank Uekötter: Die Wahrheit ist auf dem Feld

Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2010, 524 Seiten, 49,90 Euro

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