Zusammen Öko-Milchvieh züchten

Viele Ökobauern halten Kühe, und von denen ein Großteil Milchvieh. Da wird auch gezüchtet, das geschieht sogar, wenn man nichts tut. Das ist aber keine Ökozüchtung, auch noch nicht die in einzelnen Rassen vorhandenen Anfänge. Die werden eher von Enthusiasten, und Landwirten, Landwirtinnen, die gern auch schöne Kühe am Arbeitsplatz haben, gepflegt. Öko-Zucht muss aber auf mehr Betrieben praktiziert und breiter verfügbar werden. Auch, damit Zuchtvorstellungen des Bio-Bereichs nicht von der konventionellen Dominanz unmöglich gemacht werden.

Das biodynamische Ideal ist eine Landwirtschaft als Organismus mit individueller Note. Das verlangen allein schon Standort, Böden, Exposition und Klima den Bauern oder Gärtnern ab. Tiere, zumal Wiederkäuer, gehören idealerweise dazu, helfen sie doch, diesen Standort zu entwickeln. Was in der Wissenschaft „Homefield Advantage“ – Heimvorteil – genannt wird, beschreibt Rudolf Steiner in seinem Kurs für Landwirte als „fortschreitende Wechselwirkung“ zwischen Boden, Futter, Tier und Mist, als Basis der von ihm so genannten Landwirtschaftlichen Individualität. Kurzum, biologisch-dynamische Landwirte züchten schon über das Futter an ihrer Herde, die so immer mehr standortbezogen lebt und Ertrag bringt.

Ganz von alleine geht das natürlich nicht – schon die Selektion ist eine züchterische Maßnahme. Die Bullenauswahl und dann die Anpaarung sowieso. Die wenigsten Öko-Landwirte halten noch eigene Stiere, der Besamungstechniker kommt auch auf viele Demeter-Betriebe, zumal eine Reihe von diesen zweigleisig fährt: eigener Bulle und künstliche Besamung. Umso wichtiger ist, dass man beurteilen kann, welcher Bulle auf welche Kuh passt, ob beim Blick in die Kataloge, oder auf die Website der ÖTZ, wo sich Bullenempfehlungen für Demeter- und Öko-Betriebe samt Eigenschaften finden. Und, man muss ein inneres Bild seiner Herde haben.

Die Hochleistungszucht hat ihre Effizienzgrenze für den Ökobetrieb längst überschritten. Und greift zu immer fragwürdigeren Mitteln, um raschen Zuchtfortschritt behaupten zu können. Doch Tiere aus Embryotransfer, als Kälber genetisch im Labor auf ihr Potenzial gecheckt, sind z. B. nicht nachkommengeprüft. Oft sind also nur wenige Kennwerte für Öko-Züchter tauglich. Nicht jeder kann einen Bullen halten, sich mit Kuhfamilienzucht beschäftigen. Umso wichtiger ist es, das vorhandene Angebot wie den Ökologischen Gesamtzuchtwert ÖZW, oder den RZ- Öko, die Demeter-Bullenempfehlungen der ÖTZ zu nutzen.

Auf jeden Fall braucht es eine eigenständige ökologische Milchviehzucht, und mehr Betriebe, die sich daran beteiligen – gerade vor dem Hintergrund der prekären wirtschaftlichen Lage vieler Milchviehhalter. Denn nur so können mittelfristig Merkmale berücksichtigt werden, die für low-input-Betriebe relevant sind, wie Grundfutterverwertung oder Weidetauglichkeit. Langlebigkeit ist im Übrigen ein wesentlicher Faktor für die Rentabilität einer Kuh. Ökologische Milchviehzucht braucht langen Atem, betrieblich wie im gemeinsamen Bemühen darum. Mit der ÖTZ-Rinderzucht haben Öko-Betriebe einen Partner dafür.

Herzlichst Ihr

MICHAEL OLBRICH-MAJER Redaktion@LebendigeErde.de

Inhaltsverzeichnis

KURZ & AKTUELL

Bio-Branche 2024
Interview mit Tina Andres, Vorstandsvorsitzende des BÖLW

PORTRAIT

Fleckvieh und Grünkern
Hofmann GbR: Züchten für gute Milch, Darren für guten Geschmack
Michael Olbrich-Majer

SCHWERPUNKT

Rinderzucht für Ökobauern
Was kann der Rinderbereich in der ÖTZ leisten?
Carsten Scheper

Wie finde ich den passenden Bullen?
Im Öko landbau geht es um betriebsindividuelle Züchtung
Guido Simon

Die Triple-A-Zuchtmethode
Ausgewogen geformte Kühe funktionieren naturgemäß
Marc Cranshof

Das Projekt Bio-KB Stiere in der Schweiz
Männliche Genetik in der Rinderzucht
Anet Spengler Neff

Methan und Co. – züchterische Möglichkeiten
Nachhaltigkeit und Rinderzucht
Christa Egger-Danner, Astrid Köck

ERNÄHRUNG & LEBENSMITTEL

Ernährung durch die Sinne
Der Ernährungsprozess im Menschen
Ulrike von Schoultz

50 Jahre Dennree
Zehn Jahre Hofgut Eichigt
Susanne Aigner

Ist der Mensch, was er isst?
Zusammenklang von Seele, Körper und Nahrung
Petra Kühne

FELD & STALL

Schafe im Weinberg
Ökologische und betriebswirtschaftliche Vorteile
Olympia Samara

Die Rinderrasse Avileña Negra Iberica
Zucht auf natürliche Robustheit
Georg Wenz

Naturwaben und Wabenordnung
20 Jahre Demeter-Bienenhaltung in Luxemburg
Michel Collette

FORSCHUNG

Forschung (PDF) • Macht die Ausbringungstechnik einen Unterschied?
Anwendung der Spritzpräparate
Meike Oltmanns

Ist biodynamische Wissenschaft seriös?
Interview mit Christopher Brock
Fragen: Michael Olbrich-Majer

BIODYNAMISCH

Den Betrieb mit dem Blick des Landwirtschaftlichen Kurses
Die erste Stufe eines fünfstufigen Konzepts
Marcel Waldhausen

Präparate im Frühjahr
Michael Olbrich-Majer

Biologisch-dynamische Ökologie
Peter Krause

AUS DER BEWEGUNG

u. a. Aufmerksam für das Neue
Wintertagung im Norden

Carl Graf von Keyserlingk – Ausstellung
Interview mit Marcel Waldhausen

Demeter-Verband
u.a.: Junges Demeter – Kräfte bündeln und vernetzen

Interview mit Tina Andres, Vorstandsvorsitzende des BÖLW, Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft

Bio-Branche 2024

Interview mit Tina Andres, Vorstandsvorsitzende des BÖLW, Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft

Liebe Frau Andres, wie entwickelt sich der Bio-Markt?

Wir haben 2024 einen neuen Rekord hingelegt. Der Bio-Umsatz ist auf 17 Milliarden Euro angestiegen, das ist ein Plus im Vergleich zum Vorjahr von 5,7 Prozent! Teilweise ist der Absatz sogar mehr als der Umsatz gestiegen. Sorge macht uns, dass die biologisch bewirtschaftete Fläche nicht mitgewachsen ist, sie stieg nur um 0,4 Prozent auf 11,4 Prozent der gesamten Agrarfläche Deutschlands. Es droht langfristig eine Angebotslücke, wenn nicht mehr Bäuerinnen und Bauern umstellen.

Welche Produkte zeigen das stärkste Wachstum?

Das sind Fleischersatz-Produkte und vegane Drinks, aber auch Milch, Quark, Eier oder Mehl.

Und wie verändert sich das Kaufverhalten der Konsumentinnen?

Es gibt nicht „die“ Bio-Konsumentin. Ein Prozent aller Konsumenten sorgen für 12 Prozent des Umsatzes als sogenannte „heavy buyers“. In Umfragen hätte diese Gruppe sogar gerne noch mehr Bio-Produkte! Stark wachsend ist der Umsatz in den Drogeriemärkten. Hier kaufen vor allem jüngere Menschen mit schmaleren Portemonnaies ein. Auch hier dürfte es noch Wachstumspotenzial geben. 2024 zeigt ein gestiegenes Gesundheits- und Umweltbewusstsein, denn wie sonst lässt sich erklären, dass mehr Menschen mehr Bio kaufen – trotz Inflation und Wirtschaftsflaute.

Fragen: Katrin Bader

Branchenreport zum Download: www.boelw.de/news/die-bio-branche-2025/

Bio-Branche 2025

Kennzahlen für Deutschland, bezogen auf das Jahr 2024

  • 14,2 % der Höfe, also 36.134, sind Bio, 66 % davon wirtschaften nach Verbandsrichtlinien
  • 11,4 % der Agrarfläche ist Bio: 1,89 Millionen Hektar
  • 45 % der Bio-Betriebe bieten Ausbildungsplätze an
  • 380.000 Arbeitsplätze in der Bio-Branche (Stand 2023)
  • 22.380 Bio-Herstellerinnen und Gastronomen
  • 37 % Umsatzwachstum mit Bio-Produkten von 2019 bis 2024
  • 17 Mrd. Euro Gesamtumsatz in 2024 für Bio-Lebensmittel und -Getränke | + 5,7 % zu 2023

Fleckvieh und Grünkern

Hofmann GbR: Züchten für gute Milch, Darren für guten Geschmack

von Michael Olbrich-Majer

Dass er mit Kuhfamilien züchtet, also seine Tiere anhand von Merkmalen in Gruppen eingeteilt hat, hilft dabei sehr: die Namen der Tiere in den Familien fangen immer mit dem gleichen Buchstaben an: Emma, Else, Erika, usw.. Die Kuhfamilienzucht ist ein unter biodynamischen Betrieben beliebtes Zuchtverfahren. Mit eigenem Stier beim Jungvieh und zum Teil auch bei den Milchkühen sowie künstlicher Besamung bei den melkenden Tieren kann Hofmann auf die Kombination von Gesundheit, guter Grundfutterleistung und Milchinhaltsstoffen gezielt mit den Kuhgruppen hinarbeiten. Neben der Milcherzeugung ist der Betrieb auch im Ackerbau stark: 150 ha Druschfrüchte, darunter auch Sonnenblumen und die auf dem Hof gedarrte Spezialität Grünkern.

Vielseitig und flexibel als Landwirt

Als ältester von fünf Söhnen ist Steffen Hofmann in die Landwirtschaft reingewachsen und ist gerne Landwirt: „Die Vielseitigkeit ist das Schöne.“ Dazu hat er die Lehre gemacht, konventionelle Berufsschule, und dann den Meister draufgesattelt. Der Aussiedlerhof wird nun in der vierten Generation bewirtschaftet, drei davon biodynamisch, Vater und Großvater hatten 1986 auf Demeter umgestellt. Damals ging es hier in der Gegend heiß her – Daimler wollte eine riesige Teststrecke bauen, gegen die sich Widerstand regte. Der schärfte das Bewusstsein auch für Alternativen in der Landwirtschaft, im Leben für etwas zu sein, statt nur dagegen: Noch heute sind es vier Demeter-Höfe im Dorf, ein Kollege ist bei Bioland und ein Hof ist konventionell. Dietmar, Steffens Vater übernahm bald danach den Hof, Steffen seit 2020 und inzwischen umfasst die GbR neben den beiden auch Steffens Sohn Thorben, der wie sein jüngerer Bruder Marlon eine landwirtschaftliche Ausbildung macht. Dass die biodynamische Bewirtschaftung fortgeführt wird, stand nie in Frage, ebensowenig wie das Milchvieh. Gerade ist der Butterpreis hoch und auch der Milchpreis auskömmlich, der Stall ist abgeschrieben. Aber das ist nicht immer so. Und die viele Arbeit mit Milchvieh nimmt auch nicht jeder Hofnachfolger auf sich. Das Herdenmanagement aber macht Steffen Spaß, „Und außerdem benötigt man ja Dung für die Felder.“

Fleckvieh im Stall

Der Tieflaufstall ist mit 110 Kühen voll besetzt und braucht so viel Stroh, dass der Betrieb sogar von Kooperationspartnern noch Stroh dazu nimmt. Die Fütterung richtet der Landwirt nach dem äußeren Eindruck aus – die Kühe tragen Transponder für die Kraftfuttergabe, generell ist diese reduziert. Der Schwerpunkt der Fütterung liegt auf frischem Grün, Silage, Heu. Von April bis Oktober geht es auf die Weide – 3, 4 Tage kurzfressen, dann weiter. Grünland ist meist an Hanglagen oder Auen, 15 ha sind sogar FFH-Flächen, die nur gemäht werden dürfen. Auf weiteren Hektaren pflegt der Betrieb vertraglich die Landschaft. Auch artenreiches Streuobstwiesen gehören zum Betrieb. Da die Region eher sommertrocken ist, gelingt die Futterwerbung mit Bodentrocknung. Bei der Mahd lässt Hofmann immer mal einen Streifen stehen, auch der Klee darf ab und an blühen. Beides fördert die Biodiversität.

Gemolken wird im Doppelsechser-Fischgrätmelkstand. Um die Zellzahl niedrig zu halten und auf Antibiotika verzichten zu können, desinfizieren die Landwirte das Melkzeug vor dem Anhängen. Im Schnitt 7000 Liter geben Hofmanns Kühe und sind im Schnitt etwas über sechs Jahre alt. Die älteste ist fünfzehn: „Warum soll man Kühe, die so lange gut Milch gegeben haben, nicht noch eine Weile im Stall stehen lassen? Manche sind einem ja auch ans Herz gewachsen,“ so der Landwirt. Dennoch selektiert er, das ist ja die Grundlage des Züchtens: Leistung, funktionale Merkmale und Verhalten sind für ihn wesentliche Kriterien.

Züchten mit Kuhfamilien

Die Herdenführung am PC bzw. mit dem Programm des Milchkontrollverbandes gibt weitere Hinweise auf Selektion und vor allem die Anpaarung. 50 Tage nach Abkalbung bzw. mit 18-20 Monaten werden die Tiere belegt. Bei den Jungtieren läuft der Stier mit in der Box bzw. auf der Weide. Dreiviertel der Kühe werden künstlich besamt, was Steffen und Thorben Hofmann selbst vornehmen. Teilweise wird die Fleischrasse Parthenaise eingekreuzt, die sich durch gute Futterwertung und hochwertiges Fleisch auszeichnet. Bei den Milchkühen legt Steffen Hofmann Wert auf einen tiefen Rumpf, mittelrahmige Tiere, feste Euter und gutes Fundament sowie eine hohe Lebensdauer. Bei den mehr funktionalen Merkmalen sollen die Tiere nicht zu hoch mit der ersten Laktation einsetzen, aber Leistungssteigerung in der Folge zeigen. Die Kühe sollen die Milch halten können, fett- und eiweißreiche Milch geben und rasch wieder trächtig werden. Außerdem sollen sie ein schönes Seitenbild aufweisen und natürlich wohlgeformte Hörner.

Ungefähr vierteljährlich lassen die Hofmanns den hofeigenen Kühlbehälter von der Rinderunion, dem Zuchtverband, nachfüllen, auf Bestellung. Aber wonach wählt Steffen Hofmann die Bullen bzw. das Sperma aus? Ungefähr eine Stunde braucht der Landwirt dazu, und orientiert sich dabei an den Empfehlungen aus dem Demeter-Beratungsrundbrief und dem ökologischen Gesamtzuchtwert ÖZW, den es für Fleckvieh gibt. Die Bullen sollen nachkommengeprüft sein und die Bullenmütter nachvollziehbar. Und: „Das Bild des Bullen ist mir wichtig“ – neben den reinen Werten zu Milchleistung und Inhaltstoffen. Denn sein Anpaarungsziel ist die Balance zwischen Ausgleich und Spiel in der Herde – vor allem auf die körperlichen Eigenschaften bezogen. Das liefert ein PC-Anpaarungsprogramm bisher nicht. Als Herdbuchzüchter kann Hofmann dazu auf die Daten aus der monatlichen Milchleistungsprüfung zurückgreifen, die hat er auf dem Handy. Das Engagement im Zuchtverband – er ist zweiter Vorstand der Fleckviehzüchter im Main-Tauber-Kreis – schult durch den fachlichen Austausch zwischen den Betriebsleitern und gelegentliche Stallschau auch seinen Blick. Weitere Informationen findet er in Züchterporträts des Fleckviehzüchtermagazins. Denn eine vergleichbare, für die ökologische Milchviehhaltung kompatible Fütterung auf dem Herkunftsbetrieb spielt bei der Bullenwahl eine wichtige Rolle.

Vor einigen Jahren nahm der Landwirt am Demeter-Projekt zur Kuhfamilienzucht teil, das die Züchter in diesem Verfahren stärken, bzw. ihnen bei dessen Etablierung helfen sollte. Demeter-Berater Martin Haugstätter ermittelte damals die Inzuchtkoeffizienten für Hofmans Herde. Denn auch darauf muss ein Züchter, gerade bei dieser Methode achten.

Getreide und Feldfutter – biodynamisch

In der Außenwirtschaft ist der Betrieb getreidestark. Vor allem Dinkel, aber auch Weizen, Roggen, (Nackt-) Hafer werden auf den 150 ha Druschfruchtfläche angebaut, meist biodynamisch gezüchtete Sorten, daneben Sonnenblumen, Mais, Futterbau. Allein 55 ha sind Klee- bzw. Luzernegras, für die Fütterung wichtig. Ackerbohnen, zum Teil Sonnenblumenpresskuchen und die Gemenge von Sommer oder Wintergetreide landen ebenfalls auf dem Futtertisch. Statt fester Fruchtfolge betreibt Hofmann flexiblen Fruchtwechsel, und ist mit diesem Spielraum besser an die immer unbeständigeren Witterungsverhältnisse angepasst. Sowohl Pflug wie Grubber setzt er ein – ebenfalls je nach Bodenverhältnissen, vor den Zwischenfrüchten auch den Tiefenlockerer. Gedüngt wird mit präpariertem Mist, dessen Umsetzung mit dem Mäusdorfer Rottelenker, einem biodynamischen Sammelpräparat initiiert wird. Auch die Gülle wird biodynamisch präpariert, zum Teil mit Kohle oder effektiven Mikroorganismen versetzt, das Gesteinsmehl Biolit kommt über die Fütterung in den Dung.

Die biodynamischen Präparate gehören auf einem Demeter-Betrieb dazu, ebenso wie die regionale Arbeitsgruppe, für Hofmanns die in Schwabhausen. Dem Betriebsleiter ist dieser Austausch wichtig, da man auch Praktisches bei den Kollegen sieht und so auf neue Ideen kommt. Im Winter beschäftigt sich die regionale AG mit Aktuellem oder Verbandsthemen, lädt zu Fachthemen Vortragende ein. Die Präparate werden nicht weit entfernt am Brunnenhof in Mäusdorf gemeinsam hergestellt, Hornmist und Hornkiesel machen die Hofmanns selbst. Die Hörner der eigenen Kühe aber gibt es vom Schlachthof nur selten. Ihre Erfahrung ist, dass die Hörner länger verwendbar sind, wenn man sie nach dem Gebrauch rasch trocken einlagert. Eine Wirkung der biodynamischen Spritzpräparate merkt der Landwirtschaftsmeister vor allem auf neu hinzukommenden Flächen und in Extremjahren: „Das Bodenleben ist länger aktiv, die Qualität ist durchgängiger und bei Trockenheit bleiben die Bestände länger grün.“

Hofspezialität Grünkern

Grünkern ist eine regionale Spezialität, wohl einst in der Not entstanden, als der Dinkel hier, in „Badisch Sibirien“, nicht ausreifte. Das Bauland zwischen Odenwald, Tauber, Jagst und Neckar ist das weltweit wichtigste Anbaugebiet von Grünkern. Zur Herstellung wird das milchreife Korn gedroschen und im Spelz dann auf Buchenholzfeuer getrocknet – gedarrt. Hofmanns nutzen dazu einen gemauerten Kamin, von dem der gefilterte Rauch und die Wärme durch ein Trocknungssilo geleitet wird. Das hat eine dafür ausgerichtete Innenkonstruktion mit Lochblech. Das gedarrte Korn wird dann in einer nahegelegenen Mühle entspelzt und abgesackt. Der Grünkern geht vor allem an die Getreideabnehmer des Hofes, aber auch in die Schweiz. Vorbestellt werden muss spätestens im Mai. Als Sorte ist Bauländer Spelz am besten geeignet, so der Landwirt: die Körner sind glasiger, das Schrot wird wie gewünscht grießiger.

Steffens Vater Dietmar hatte vor einigen Jahren eine Initiative gestartet, den Grünkern regional zu schützen. 2015 dann hat die EU-Kommission den „Fränkischen Grünkern‘‘ in die Liste der „geschützten Ursprungsbezeichnungen (g.U.)‘‘ aufgenommen. Dafür müssen alle Produktionsschritte in einem abgegrenzten geografischen Gebiet erfolgen. Daraufhin wurde er, zugleich Vorstand der Vereinigung fränkischer Grünkern-Erzeuger Boxberg e.V., vom Landwirtschaftsminister des Landes als Genussbotschafter Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Dietmar Hofmann war zwei Jahrzehnte Ortsvorsteher von Schwabhausen und wirkte zudem im Kreistag des Main-Tauber-Kreises. Auch war er aktiv im Demeter-Initiativkreis Hohelohe. Auf dem Hof hilft er wie seine Frau dennoch regelmäßig mit, u. a. beim Melken bzw. im Stall. Steffens Sohn Thorben, der dritte in der GbR, ist winters zurzeit in der Fachschule, im Sommer aber im Betrieb. Er denkt schon über einen Stallanbau nach – mehr Fressplätze, mehr Liegefläche. 2025 wird er ganz in den Betrieb einsteigen.

Betriebsinfo: Demeter-Betrieb Hofmann

  • Demeter seit 1986
  • Boxberg im Bauland (Nordbaden), 360m ü NN; 9,9* C , 620 mm Niederschlag im Durchschnitt
  • Böden Muschelkalkverwitterung, tw. Löß, Lehm bis toniger Lehm, Kuppen steinig, 25-65 Bodenpunkte
  • 270 ha, davon 50 Grünland, 8 ha Streuobst, 15 ha FFH-Flächen; 4 ha Wald
  • Ackerfrüchte: Kleegras, Dinkel, Weizen, Roggen, Hafer, Mais, Futtergemenge, Sonnenblumen, Ackerbohnen
  • Vieh: 110 Fleckviehkühe samt weiblicher Nachzucht, 7000l Jahresmilchleistung grundfutterbasiert; 3 Hühnermobile (150 Hühner), 2 Bienenvölker
  • Vermarktung: Milch an Molkerei Schrozberg, Getreide an Spielberger, Erdmannhauser, Raiffeisen
  • Verarbeitung: Darren von Grünkern auf Buchenholzfeuer
  • Energie: Fotovoltaik 230kwp und ein Kleinwindrad
  • Arbeitskräfte: Betriebsleiter, Sohn, Lehrling, Vater, die beiden Ehefrauen, Aushilfskraft

Hofmann GbR, Zentweg 13, 97944 Boxberg-Schwabhausen, steffen.-hofmann@t-online.de

Rinderzucht für Ökobauern

Was kann der Rinderbereich in der ÖTZ leisten?

Autor: Dr. Carsten Scheper
Geschäftsführer Bereichsleiter Rinderzucht Ökologische Tierzucht gGmbH
carsten.scheper(at)oekotierzucht.de

Während die Ökologische Tierzucht gGmbH als Organisation in 2025 ihr zehnjähriges Jubiläum bestreitet, startet der Rinderzuchtbereich in sein fünftes Jahr. Das Jubiläumsjahr steht bei Geflügel und Rind unter dem Motto „Gekommen um zu bleiben“. Nach ungefähr einer Rindergeneration, bezogen auf das Generations­intervall bei natürlicher Fortpflanzung, bietet es sich an auf das zu schauen, was entstanden ist und sich weiterentwickelt.

Eine wichtige Säule der Arbeit im Rinderzuchtbereich der ÖTZ ist der überverbandliche 22-köpfige Beirat aus Züchtern, Beratern und Wissenschaftlern, der die Aufgabe hat, Arbeitsaufträge aus den Gesellschafterverbänden Bioland und Demeter und aus der Biobranche zu sammeln und die ÖTZ bei der Umsetzung und Projektentwicklung mit einem klaren Leitbild zu beraten. Gemeinsam mit dem Beirat konnten so in den ersten fünf Jahren wichtige erste Projekte wie z.B. die Entwicklung unabhängiger Empfehlungen für Besamungsbullen, Projekte zur Sicherung der Zucht horntragender Rinder und die Weiterentwicklung ökologischer Zuchtziele und Gesamtzuchtwerte erfolgreich umgesetzt werden.

Praxisprojekt Ökorinderzucht – Neues Merkblatt Kuhfamilienzucht

Das im Februar 2024 begonnene, von der Software AG Stiftung geförderte fünfjährige Projekt zur Förderung der praktischen Ökorinderzucht ist erfolgreich angelaufen. Wichtige Themenschwerpunkte sind die Vernetzung und Beratung von Betrieben, die Tiere mit Hörnern und/oder alte und bedrohte Rassen züchten und den Natursprung in Verbindung mit der Kuhfamilienzucht anwenden (siehe auch LE 3-2024).

Als ein wichtiges erstes Ergebnis des Projektes wurde in Kooperation mit Anet Spengler-Neff und Anna Bieber vom FiBL Schweiz das kostenlos erhältliche Merkblatt Kuhfamilienzucht (https://www.fibl.org/de/shop/1686-kuhfamilienzucht) überarbeitet und aktualisiert veröffentlicht. Das Merkblatt stellt anschaulich die Grundlagen und Schritte für die Anwendung der Kuhfamilienzucht in der eigenen Herde dar, und eignet sich besonders für biologisch-dynamische Betriebe, die aktiver und systematischer züchten wollen. Die Über­ar­bei­tung der weiteren, zuchtbezogenen Merkblätter des FiBL u.a. zur Deckbullenhaltung folgt nun im Anschluss.

Neben Beratung und Wissenstransfer ist auch die aktive Vernetzung der Zuchtbetriebe ein wichtiges Ziel im Projekt. Regionale Vernetzungsveranstaltungen wie im November 2024 in Franken zur Kuhfamilienzucht und Exterieurbewertung sollen den Austausch untereinander anregen und die aktive Zuchtarbeit fördern. Auch in 2025 sind wieder Veranstaltungen und eine Exkursion zum Bio-KB-Stiere Projekt geplant die das gleiche Ziel verfolgen.

Interessierte Betriebe können eine kostenfreie Beratung und Beteiligung am Projekt bei den folgenden Ansprechpartnern erfragen: Martin Haugstätter (martin.haugstaetter(at)demeter-beratung.de, für Baden-Württemberg), Stephan Hamberger (stephan.hamberger(at)demeter-bayern.de) für Bayern, Mabelle Tacke (mabelle.tacke(at)demeter-im-norden.de) für Norddeutschland), Carsten Scheper (carsten.scheper(at)oekotierzucht.de, für West- und Mitteldeutschland und Karola Stier (karola.stier(at)gmx.de) für alte und bedrohte Rassen.

RZÖko und ÖZW: Zusammenarbeit mit Zuchtorganisationen

Wir verfolgen im Rinderzuchtbereich der ÖTZ mit Überzeugung seit Beginn einen überverbandlichen, kooperativen Ansatz, der die Zusammenarbeit mit den bestehenden Zuchtorganisationen sucht, um nachhaltig Strukturen und praxisnahe und -reife Angebote für die ökologische Rinderzucht zu schaffen. Die erfolgreiche gemeinsame Entwicklung und Umsetzung des RZÖko im August 2023 als erstem ökologisch geprägten Gesamtzuchtwert bei Deutschen Holsteins ist ein direktes Ergebnis dieser Bemühungen. Neben dem ÖZW bei Fleckvieh und Braunvieh, an dessen Weiterentwicklung sich die ÖTZ im Arbeitskreis Ökorinderzucht der LfL Bayern aktiv beteiligt, gibt es nun mit dem RZÖko in den zahlenmäßig größten Milchviehrassen Deutschlands praxisnahe Werkzeuge für Bullenauswahl und Selektion, die ökologische Zuchtziele direkt umsetzen.

Wir verfolgen diesen Weg aus der Überlegung heraus, dass es eine aktive und stärkere Beteiligung der Biobranche an den bestehenden Zuchtprogrammen braucht, um die ökologische Rinderzucht nachhaltig zu stärken und zu sichern. Wir bringen die ökologischen Zuchtziele und wichtigen ideellen Aspekte z.B. mit Blick auf den Biotechnologieeinsatz in den Austausch mit den Zuchtorganisationen ein, um nachhaltige Perspektiven für die Weiterentwicklung zu eröffnen. Der Blick in die Schweiz zum Bio-KB-Stiere Projekt (s. Seite 20), das einen ähnlichen Ansatz verfolgt, bestärkt uns darin, dass dieser Weg auch in Deutschland der richtige ist. An der Umsetzung für ein vergleichbares Projekt in Deutschland arbeiten wir aktuell.

Besamungsbullenempfehlungen

Für die Rassen Fleckvieh, Braunvieh und Holstein werden mittlerweile auf Basis der veröffentlichten Ökologischen Gesamtzuchtwerte ÖZW (Fleckvieh und Braunvieh) und RZÖko (Holstein) von der ÖTZ nach der Zuchtwertschätzung unabhängige Empfehlungslisten für ökologische Milchviehbetriebe veröffentlicht. Die Kriterien zur Erstellung der Listen wurden im Beirat entwickelt und werden regelmäßig evaluiert. Die Listen legen aktuell einen starken Schwerpunkt auf töchtergeprüfte Bullen, um eine sichere Vererbung der Kernmerkmale von ÖZW und RZÖko sicherzustellen, Toplisten für aktuelle genomische Bullen sind auch verfügbar und werden verlinkt. Speziell für Demeter-Betriebe werden zusätzlich Listen mit richtlinienkonformen Bullen (ET frei und horntragend) veröffentlicht.

Neue Listen, auch in weiteren Rassen, sind kontinuierlich in der Entwicklung und werden nach und nach ergänzt. Die Empfehlungslisten sind für alle Praxisbetriebe verfügbar unterhttps://oekotierzucht.de/de/bullenempfehlungslisten/

Für praktische Rückmeldungen und Anregungen zu den Listen sind wir sehr dankbar. Melden Sie sich dazu gerne jederzeit beim Autoren.

Neues Nutzkälberprojekt

Seit Januar 2025 läuft über die ÖTZ das Projekt „Koordinationsstelle für die verstärkte Inwertsetzung von Bio-Nutzkälbern (Milchviehkälbern) innerhalb von Bio-Fleisch-Wertschöpfungsketten“ (WSNuKa). Die ÖTZ hat sich dafür gemeinsam mit der Brudertier-Initiative Deutschland (BID) mit engagierten Kooperationspartnern aus der Wertschöpfungskette zusammengetan, um ausgehend von Norddeutschland Lösungen zu entwickeln, um mehr Nutzkälber aus ökologischer Milchviehhaltung auch ökologisch vermarkten zu können und nicht an konventionelle Strukturen abgeben zu müssen. Projektpartner sind neben ÖTZ und BID, der Bioland-Landesverband Niedersachsen/Bremen, Demeter im Norden, der Meedehof, Hof HimP, Besserfleisch und die Elbtaler Hofschlachterei.

Die Koordinationsstelle soll durch regionale und überregionale Vernetzung von Akteuren entlang der Wertschöpfungskette den Aufbau von verlässlichen Partnerschaften fördern, so dass Wertschöpfungsketten für Milch- und Fleischprodukte aus ökologischer Erzeugung in ausgewogenem Verhältnis zueinander (weiter) entwickelt werden können, in denen die Kälber innerhalb des ökologischen Systems wirtschaftlich tragfähig aufgezogen und gemästet werden.

Das Projekt läuft drei Jahre und wird über das Bundesprogramm ökologischer Landbau (BÖL) vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Bei Interesse an der Vernetzung und weiteren Infos zum Projekt melden Sie sich gerne bei May-Britt Wilkens (may.wilkens(at)oekotierzucht.de) und Lisa Minkmar (lisa.minkmar(at)oekotierzucht.de) die für das Projekt in der ÖTZ zuständig sind.

Hörnerzucht und Biotechnologien – aktuelle Entwicklungen

Die Zucht hornloser Tiere und die Verwendung von Hornlosvererbern nimmt weiter zu, aktuell vor allem in der Fleischrinderzucht. Auch wenn die vom Demeter-Verband frühzeitig beauftragten Prognosen nicht in der damals erwarteten Dynamik eingetroffen sind, ist die Entwicklung auch in der Milchrinderzucht weiterhin progressiv. Die ÖTZ versucht, dieser Entwicklung im Bereich Rinderzucht mit den laufenden Projekten aktiv zu begegnen, im gemeinsamen Bewusstsein, dass die genetische Grundlage für Hörner tragende Zuchttiere erhalten werden muss. Obwohl auch Hornloszüchter sich in der ÖTZ engagieren, ist dies Konsens im Beirat.

Die Zahl der für Demeter-Betriebe richtlinienkonformen Bullen wird zunehmend eingeschränkt: Neben der Hornloszucht ist dies vor allem bedingt durch die rasante Entwicklung beim Einsatz von Biotechnologie in der Zucht, besonders durch Embryotransfer. Für die Praxisbetriebe steigt der Aufwand, richtlinienkonforme Bullen für den Einsatz zu finden, auch weil die Kennzeichnung von „ET-Bullen“ nicht in allen Rassen gleich und transparent geregelt ist. In der ÖTZ reift daher die Idee, im Rahmen der angestrebten Kooperationen verbandsübergreifend auf die Zuchtunternehmen zuzugehen, um mehr Transparenz z.B. in Form einer freiwilligen Kennzeichnung oder Zertifizierung, wie es sie in Neuseeland für Öko-Bullen gibt, zu erreichen. Die Demeter-Fachgruppe Forschung & Entwicklung hat den Delegierten dazu ein aktuelles Diskussionspapier vorgelegt.

Quellen
1) Neues Rinderzuchtprojekt begonnen. Horntragende Rinderzucht sichern, Kuhfamilienzucht und alte Rassen. Lebendige Erde 3-2024
2) Merkblatt – Kuhfamilienzucht. Eine Methode für die biologische Milchviehzucht. FiBL, BioSuisse, Demeter, ÖTZ, Naturland. 2024. Verfügbar unter:https://www.fibl.org/fileadmin/documents/shop/1686-kuhfamilienzucht.pdf
3) Horntragende Rinderzucht sichern – Eine Status-Quo-Analyse der Zucht hornloser Milchrinder. Lebendige Erde 1-2017

 

AUSBLICK

  • Die ÖTZ arbeitet auf eine verbindliche Kooperation mit den Zuchtorganisationen und ein Bio-KB-Stiere Projekt in Deutschland hin.
  • Die Website Hornkuh.de wird im Rahmen der neuen Homepage der ÖTZ und im Zusammenhang mit dem SAGST-Projekt bis Mitte 2025 überarbeitet. Hier findet man dann Hinweise zu Haltung und Züchtung sowie andere Züchter horntragender Tiere. https://oekotierzucht.de/de/rinderzucht/
  • In der Rinderzucht werben wir um ein gemeinschaftliches Vorgehen mit den anderen Ökoverbänden – die ÖTZ ist bisher eine von Bioland und demeter getragene Organisation – und wollen für alle Öko-Rinderhalter ein Angebot aufbauen bzw. laden sie zur Mitarbeit am gemeinsamen Ziel einer Öko-Rinderzucht ein.
  • Die ÖTZ als gemeinnützige GmbH wird sich wahrscheinlich umstrukturieren müssen, um gemeinnützige und gewerbliche Aktivitäten zu trennen.

Ist biodynamische Wissenschaft seriös?

Interview mit Dr. Christopher Brock,
Demeter-Forschungskoordinator, zur Kritik an Forschung zum Biodynamischen

Fragen: Michael Olbrich-Majer

Aus der Wissenschaft kommt der Vorwurf, Forscher aus dem biodynamischen Kontext seien „befangen“. Dürfen nur „neutrale“, also Unwissende dazu forschen?

Neutral und unwissend ist ja nicht das Gleiche. Neutralität im Sinne einer unvoreingenommenen, offenen Herangehensweise an ein Forschungsvorhaben ist natürlich wichtig – wobei Forschende auch Menschen mit eigenen Überzeugungen und Neigungen sind und daher grundsätzlich nicht ganz unbefangen. Wer sich einem Thema zuwendet, hat meistens eine Beziehung dazu, sonst würde man gar nicht die notwendige Neugier und Leidenschaft entwickeln. Es ist aber wichtig, sich dessen bewusst zu sein und in diesem Bewusstsein wissenschaftlich korrekt und ergebnisoffen an ein Vorhaben heranzugehen. Natürlich möchte ich als dem Biodynamischen verbundener Forscher gerne positive Effekte dieser Wirtschaftsweise aufzeigen. Wenn ich aber bereit bin, trotzdem auch ein Ergebnis zu akzeptieren, das nicht meinen Erwartungen oder Hoffnungen entspricht und dazu zu stehen, dann sehe ich kein Problem, was nicht jede wissenschaftliche Arbeit hätte.

Unwissend sollten Forschende ganz sicher nicht sein. Wobei das notwendige Vorwissen je nach Fragestellung variiert. Wenn die Frage ist, ob die Präparate die Bodenkohlenstoffgehalte anheben, braucht man bodenkundliches Wissen, muss sich aber nicht in der Biodynamik auskennen. Stellt man aber die Frage, wie man einen Wirkungsnachweis der Präparate erbringen kann, dann muss man sich schon mit dem biodynamischen Hintergrund beschäftigt haben, um überhaupt ein sinnvolles Untersuchungsdesign zu entwickeln.

 

Das Anthroposophische Wissenschaftsverständnis wird von manchen als „weltanschaulich“ eingestuft – wie kommt es dazu und was lässt sich dazu sagen?

Richtig ist: Die Anthroposophie hat eine eigene Ontologie, das heißt, sie erklärt die Welt anders als die modernen Naturwissenschaften. Das muss man einfach akzeptieren, dass es unterschiedliche Wege gibt, die Welt wahrzunehmen und zu erklären und kann das, je nach Perspektive, als Problem sehen oder als Bereicherung. Wie auch die traditionellen Wissenssysteme erkennt die Anthroposophie die Naturwissenschaften ja durchaus an, stellt sie aber in einen eigenen ontologischen Kontext, der auch Dimensionen beinhaltet, die den Naturwissenschaften nicht zugänglich sind. Es ist daher meines Erachtens nicht falsch, die Anthroposophie als eigene Art der Weltanschauung zu betrachten. Ich sehe darin allerdings keine Unvereinbarkeit mit den Standards der guten (natur-)wissenschaftlichen Praxis. Schließlich gibt es auch Top-Wissenschaftler:innen, die in einem religiösen Kontext verwurzelt sind, der ebenfalls eine eigene Ontologie hat.

Manche behaupten sogar, biodynamische Forschung sei mit naturwissenschaftlichen Standards unvereinbar …

Der allergrößte Teil der Forschung in der biodynamischen Wirtschaftsweise erfolgt mit naturwissenschaftlich nachvollziehbaren Methoden, in der Regel klassischen Standardmethoden der Agrar- und Umweltforschung. Es gibt aber auch Ansätze in der biodynamischen Forschung, die Erkenntnisse auf einer metaphysischen Basis erlangen. Diese Ansätze sind zumindest für die heutige Naturwissenschaft nicht nachvollziehbar und die Ergebnisse daher nicht überprüfbar. Solche Methoden als falsch oder wertlos anzusehen, wäre aber überheblich und sozial sowie kulturell diskriminierend. Dennoch muss man anerkennen, dass man solche Methoden nicht in Zusammenhängen einsetzen kann, in denen ihnen nicht vertraut wird.

Manche monieren z. B. bei den Bildschaffenden Methoden die fehlende Subjekt-Objekt-Trennung? Warum wäre das ein Problem?

Wenn die menschliche Wahrnehmung in die Ergebnisfindung involviert ist, dann fließt immer ein subjektives Moment ein. Dadurch wird es schwieriger, die objektive Richtigkeit oder Fehlerhaftigkeit von Ergebnissen festzustellen. Das ist schon so. Wenn aber mehr Leute die bildschaffenden Methoden anwenden, und sich auf bestimmte Regeln bei der Anwendung einigen, dann kann dennoch eine ausreichende Objektivität erreicht werden. Die Sensorik macht es vor. Denkbar wäre bei den bildschaffenden Methoden auch eine maschinelle Auswertung der Bilder – Überlegungen dazu gibt es schon. Ein beachtenswerter wissenschaftlicher Artikel der Uni Kassel1 legt aber nahe, dass eine emotionale Einstimmung auf die Bilder für deren Interpretation vorteilhaft sein kann. Solange nicht klar ist, was da genau geschieht, kann man es in einer maschinellen Auswertung auch nicht berücksichtigen und würde daher möglicherweise die analytische Qualität erstmal herabsetzen.

Es gibt die Behauptung von Holger Kirchmann, Agrarwissenschaftler an der schwedischen Landwirtschaftsuniversität SLU: Steiners Aussagen seien nicht in Hypothesen überführbar2 – kann man das so sagen?

An Kirchmann will ich mich jetzt nicht abarbeiten – er ist bekannt als Gegner des Ökolandbaus allgemein und das Paper zur Biodynamik, aus dem die Äußerung oben kommt, geht nicht sehr tief und entspricht absolut nicht dem heutigen Kenntnisstand zur Biodynamik.

Viele Aussagen aus dem Landwirtschaftlichen Kurs sind durchaus in Hypothesen überführbar. Das ist zwar oft herausfordernd, aber sonst wäre es ja auch langweilig. Jürgen Fritz, Hartmut Spieß, Wolfgang Schaumann und andere haben das erfolgreich gemacht3,4. Nur diejenigen Aussagen, die sich nicht oder nur am Rande auf bekannte Aspekte der physischen Welt beziehen, kann man (noch) nicht mit naturwissenschaftlich validen Hypothesen überprüfen.

In den letzten Jahren ist die Hypothesenbildung aus dem Landwirtschaftlichen Kurs allerdings etwas eingeschlafen – da sollten die Forschenden unbedingt wieder aktiver werden, z. B. auch mit Blick auf die Frage, wie wir in der weltweiten Verbreitung der Biodynamik zu regional angepassten Präparaten kommen, oder z. B., um zu entscheiden, ob und wie biodynamisch auch vegan – also ganz ohne Tierhaltung und tierische Betriebsmittel – geht.

Kennst Du andere Forschungsrichtungen oder Forschungsgruppen, die so intensiv ihre epistemologischen Grundlagen reflektieren? Warum dringt das nicht durch?

Wer in unserem westlichen Wissenssystem mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitet hat wenig Grund, seine erkenntnistheoretischen Grundlagen zu reflektieren – es fragt einfach kaum jemand nach. Allerdings wird schon anerkannt, dass die Naturwissenschaften in ihrer Erkenntnisfähigkeit auf den jeweiligen Stand der verfügbaren Methoden begrenzt sind und es Aspekte der Natur geben kann, die wir noch nicht erfassen können. Das Mikrobiom zum Beispiel gibt es ja schon, seit es Lebewesen gibt – aber analytisch erfassen können wir es erst seit wenigen Jahren. Was aus meiner Sicht aber wichtig wäre, ist mehr Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Einstellungen, zumindest, solange daraus kein Schaden entsteht. Die Forderung nach einem wissenschaftsbasierten Leben ist unmenschlich und funktioniert vermutlich noch schlechter als Dienst nach Vorschrift. Vielfalt und Pluralität nicht nur auszuhalten, sondern sogar wertzuschätzen und zu schauen, wo man zusammen hinkommt, das halte ich für eine zukunftsweisende Perspektive auch in der Wissenschaft.

Machen wir es konkreter: eine Reihe Veröffentlichungen bezieht sich auf das Review von Chalker Scott5, die keine Präparateeffekte fand, bzw. merken an, dass der Einfluss von Kollateraleffekten anderer Maßnahmen nicht berücksichtigt worden sei.

Naja – das muss man erstmal so als Ergebnis hinnehmen und sollte auch nicht versuchen, die Studie zu diskreditieren. Allerdings ist es wichtig zu bedenken, dass die Ergebnisse sich auf bestimmte Merkmale beziehen und nicht den allgemeinen Schluss zulassen, dass die Präparate keinerlei Wirkung hätten. Neuere Studien legen nahe, dass das Mikrobiom im Boden – und eventuell auch in Pflanzen, Lebensmitteln und dem Menschen – ein Schlüssel zur Erfassung einer biodynamischen Präparatewirkung sein könnte, denn hier wurden signifikante Effekte gefunden6. Ich denke, wir müssen uns in der biodynamischen Präparateforschung noch mehr mit der Hypothesen- und Modellbildung beschäftigen, um weniger explorativ, sondern zielgerichteter nach deren Wirkungen zu suchen. Und ja, es kann auch sein, dass wir am Ende feststellen, dass die Präparate keine allgemeine Wirkung haben, sondern in Wechselwirkung mit anderen Faktoren stehen – oder dass Wirkungen zwar da sind, aber nicht der Erwartung entsprechen. Mit dieser Unsicherheit müssen wir als Forschende leben.

Wenig wohlmeinende Publizisten meinen, nicht bestätigende Ergebnisse würden unterschlagen, nicht publiziert – ist da was dran? Kennst Du Fälle?

Das kann man nie ausschließen, denn es ist ein allgemeines Phänomen, dass negative Ergebnisse – also kein Effekt einer Intervention – eher nicht publiziert werden als positive. Es gibt inzwischen schon statistische Verfahren, die versuchen, in Metaanalysen diesen „publication bias“ zu berücksichtigen. Ein Grund für die Zurückhaltung negativer Ergebnisse kann sein, dass man den eigenen Ansatz hinterfragt und erstmal optimieren möchte, bevor man etwas publiziert und später schreiben muss, dass der Ansatz nicht ausreichend durchdacht war. Daran trägt auch das Publikationswesen eine Mitschuld, denn ein solcher Entwicklungsprozess wird nicht anerkannt, sondern eher als Unzulänglichkeit bewertet.

Was ich ausschließe, ist eine systematische Unterschlagung von negativen Ergebnissen in der biodynamischen Bewegung – das ist schon eine Verschwörungstheorie, wenn man das unterstellt. Aus meiner Sicht gibt es eine wachsende solide Datengrundlage zur wissenschaftlichen Beurteilung der biodynamischen Präparate. Dass die dann nicht unbedingt zugunsten eines allgemeinen Nachweises von Präparateeffekten ausfällt, zeigt ja die erwähnte Studie von Chalker-Scott. Aber die Datenbasis wächst weiter und für mich sieht es im Moment so aus, als könnte es doch wissenschaftlich nachweisbare Effekte geben. Das ist jetzt aber nur eine Vermutung.

Im Fernsehen wurde vor einigen Jahren behauptet, biodynamische Forscher betrieben HARKING: kannst Du erklären was gemeint ist und ob das zutrifft?

HARKING heißt, dass man die Hypothese im Nachhinein an die Ergebnisse anpasst (HARK = Hypopthesis After Results Known). Nun ist es absolut nicht verwerflich und auch wissenschaftlich durchaus gerechtfertigt, Ergebnisse gründlich zu diskutieren und dabei auch das Versuchsdesign oder die Hypothesen infrage zu stellen, denn daraus können wertvolle Impulse für weiterführende oder überarbeitete Fragestellungen entstehen. Aber man muss natürlich aufpassen, dass man deutlich macht, was die Ergebnisse zeigen und was weiterführende Überlegungen sind. Die Hypothese im Nachhinein anzupassen, damit die Ergebnisse sie bestätigen, ist definitiv nicht okay – aber so ein Fall zum Biodynamischen ist mir zumindest nicht bekannt. Eine kritische Diskussion der Ergebnisse auch im Kontext von Ansatz und Fragestellung ist dagegen gute wissenschaftliche Praxis.

Literatur:

  1. Doesburg, P., Fritz, J., Athmann, M., Bornhütter, R., Busscher, N., Geier, U., Mergardt, G., Scherr, C. (2021): Kinesthetic engagement in Gestalt evaluation outscores analytical ‘atomic feature’ evaluation in perceiving aging in crystallization images of agricultural products. PLoS ONE 16(3): e0248124. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0248124
  2. Kirchmann, H. (1994): Biological Dynamic Farming – An Occult Form of Alternative Agriculture? Journal of Agricultural and Environmental Ethics 7, 173-187.
  3. Fritz, J. und Spieß, H. (2001) in: Forschungsring und Universität Kassel (Hrsg.): Biologisch-Dynamische Landwirtschaft in der Forschung. Verlag Lebendige Erde, Darmstadt, 196 S., ISBN 3-921536-62-6
  4. Schaumann, W. (2002): Das Lebendige in der Landwirtschaft. Schritte zum Verständnis der biologisch-dynamischen Grundlagen. Verlag Lebendige Erde, Darmstadt, 175 S., ISBN 978-3-921536-63-6
  5. Chalker Scott, L. (2013): The Science Behind Biodynamic Preparations: A Literature Review. HortTechnology 23, 814-819. https://doi.org/10.21273/HORTTECH.23.6.814
  6. Milke, F., Rodas-Gaitan, H., Meissner, G., Masson, V., Oltmanns, M., Möller, M., Wohlfahrt, Y., Kulig, B., Acedo, A., Athmann, M., Fritz, J. (2024): Enrichment of putative plant growth promoting microorganisms in biodynamic compared with organic agriculture soils, ISME Communications 4-1, ycae02. https://doi.org/10.1093/ismeco/ycae021

MEHR ZUR BIODYNAMISCHEN FORSCHUNG

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Biologisch-Dynamisch. 90 Jahre Impulse für eine Landwirtschaft der Zukunft
Forschungsring e.V. (Hg.): Wissenschaftliche Tagung 2014 in Bonn. Verlag Lebendige Erde, Darmstadt 2014,
184 S., 18,– €, ISBN 978-3-941-232-13-6

 

Aktuelle Studien

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Sonderausgabe «Open Agriculture»

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Website Lebendige Erde

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