Irgendwann musste es ja kommen, dass jemand der Biowelt den Spiegel vorhalten möchte. Die beiden Autoren Maxeiner und Miersch (u. a. Lexikon der Öko-Irrtümer) kaufen selbst ab und an Bio und wollen vorgeblich dem Ökolandbau nichts Böses, nur Spreu vom Weizen trennen: heraus kommt ein Plädoyer für Gentechnik. Aber von vorne: Anregend und gut geschrieben pflegen die Autoren ihren „Widerspruchsgeist” gegen alles was auf Sockeln steht, jetzt wohl auch der Ökolandbau. Sie wollen daher nicht abwägen und ein Gesamturteil ermöglichen, sondern sticheln im Schatten der Biowelle. Bei der Frage nach der Effizienz des Ökolandbaus – je Hektar top, je Kilo weniger – mag man noch aufhorchen, aber meist ist die Recherche nicht erschöpfend und auch die Kritik bleibt vordergründig.
Vor allem zwei habituelle Reflexe schränken die Sichtweise der selbsternannten „Aufklärer” ein: Nicht gut finden dürfen, was gedanklich den Mainstream verlässt und der Grundirrtum, Ökolandbau sei die Landwirtschaft der Väter und Großväter von vor 50 Jahren. Tenor ist denn auch, dass der Fortschritt nur aus dem Labor kommt. Das erklärt, warum kapitelweise fachfremde Professoren als „Fachleute” interviewt werden – während Dr. Urs Niggli, Leiter des FIbL, der weltweit größten Forschungsanstalt zum Ökolandbau, nur mit einem Halbsatz zitiert wird. Der dynamisch, organisch und konventionell vergleichende Langzeitversuch, immerhin in Science publiziert, kommt gar nicht vor.
Aber das ist wohl der Arbeitstil: Resistent gegen aktuelleres Wissen und Studien mit anderen Ergebnissen, sind dem Autorenduo einschlägige Universitäten nicht gut genug, sie suchen sich ihre Experten lieber selbst und zitieren, was sie gebrauchen können. So also funktioniert „Schöner Denken”, wie ein weiteres Buch der beiden heißt. Generell wird mit zweierlei Maß gemessen: romantische Werbung als Vorwurf an den Ökolandbau, die Zerrbilder der Werbung für Industrienahrung kennen die beiden wohl nicht. Auch die Kupferanwendung wird den Ökobauern vorgehalten, obwohl sie nur Kartoffeln und Sonderkulturen betrifft, und das auch nur mit reduzierten Aufwandmengen: Kein Wort z. B. zu Nebenwirkungen von Pestiziden oder zum flächendeckenden Einsatz von Roundup, das jeder nutzt, der Agrogentech anwendet. Und wie war das mit dem Bienensterben durch ein Beizmittel, gerade eben im Mai? Und das steigert sich: Mist wird – aus Unkenntnis? – zur Fäkalie deklariert, Ewald Köhnemann mit falschem Namen zum Anthroposophen gemacht. Weitere falsche Bezüge und Behauptungen, wie z. B. die Verrechnung der Nitratbelastung auf den Ertrag, oder angeblich mehr Nitratversickerung unter Ökoflächen, lassen einen als Fachmann endgültig den Kopf schütteln. Und natürlich: mit Ökolandbau verhungert die Welt. Schön, dass aktuell der Weltlandwirtschaftsbericht der UN mit solcher Denke aufräumt. Übrigens: Steiner wird in die braune Ecke gestellt, garniert mit verleumderischen Behauptungen zum biodynamischen Gärtner Lippert, der im KZ Dachau arbeitete.
Ökolandbau ist sicher nicht heile Welt, und manche Kritik muss Ansporn zur Verbesserung sein. Aber aus fachlich-wissenschaftlicher Sicht ist das ein ärgerliches Buch. Lerneffekt: man kennt dann die Meinung des männlichen Mainstream, „der Schulmedizin”. Bei einem Punkt allerdings haben die Autoren Recht: die mediengetriebene Angst vor Rückständen und Schadstoffen und die Katastrophenstimmung bei Ernährungsthemen in Deutschland ist reichlich überzogen. Und bestimmt nicht unser Motiv, biologisch-dynamisch zu arbeiten. Diesen Ansatz gab es nämlich schon lange vor der Agrochemie.
(mom)
Biokost & Ökokult. Welches Essen ist wirklich gut für uns und unsere Umwelt.
Von Dirk Maxeiner und Michael Miersch.
Piper Verlag München 2008, 238 S., 14,00 Euro, ISBN: 978-3-492-05100-2
