Die Landwirtschaft steht vor enormen Herausforderungen. Mit welchen Ansätzen Demeter-Landwirt:innen Klimaextremen, Greenwashing und negativen Preisspiralen begegnen, lesen Sie in der Mai-Juni Ausgabe von Lebendige Erde, der Fachzeitschrift für biodynamische Landwirtschaft und Agrarkultur.
Für das Porträt war Redakteur Adrian T. Meyer bei der Obstplantage Latz im Saarland. Um ihren Betrieb fit für die Zukunft zu machen, setzen die Betriebsleiter auf Diversitätin der Plantage und Vermarktung. Agrarwissenschaftler Nikolai Fuchs blickt kritisch auf die Agrarwende und fordert neue Ansätze, um die Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen. Über das Potenzial der Kooperation im landwirtschaftlichen Betrieb berichtet Unternehmensberaterin Simone Schlecht anhand des Beispiels der Hofgemeinschaft Heggelbach. Christian Hiß, Regionalwert Leistungen GmbH, erklärt, wie Gemeinwohlleistungen als Einkommensquelle für Betriebe dienen könnten. Was Community-Läden sind und wie sie beispielsweise Hofläden krisenfest machen können, beschreibt Attila Flöricke, Berater für Betriebswirtschaft und Community-Modelle.
In der Rubrik Ernährung und Lebensmittel stellt ein Autorenteam um Uwe Geier vom Forschungsring das wirksensorische Befinden nach dem Konsum von Fleisch, Tofu und Seitan dar. Autorin Susanne Aigner porträtiert dem Demeter-Betrieb Schubert, der Produkte aus Bruderhahn und Gockel herstellt. Dr. Petra Kühne vom Arbeitskreis für Ernährungsforschung blickt kritisch auf hochverarbeitete Lebensmittel und ihre Wirkung auf unsere Gesundheit.
In der Rubrik Feld und Stall geht es um PS, denn Agrarjournalist Michael Götz und der Landwirtschaftliche Berater Klaus Strüber widmen sich der Arbeit mit Pferden. Einen aktuellen Überblick zur Schilf-Glasflügelzikade gibt Gemüsebauberaterin Nikola Lenz und zu den Ansätzen in der biodynamischen Pflanzenzüchtung äußert sich ein Autorenteam um Michael Fleck von Kultursaat.
Im Forschungsbeitrag widmen sich Julian Keller und Uwe Geier, beide vom Forschungsring, der Frage, ob biodynamische Präparate gegen Mobilfunkstress bei Pflanzen wirken. Marcel Waldhausen setzt seine Reihe zu dem von ihm entwickelten fünfstufigen Konzept des biodynamischen Betriebes fort. Ergänzend gibt es Meldungen aus der Bio-Bewegung, Aktuelles und Berichte aus dem Demeter-Verband, sowie den Demeter-Gartenrundbrief als ständigen Beileger.
Wissensgrafiken zum Biodynamischen auf unserer Website
https://www.lebendigeerde.de/index.php?id=wissensgrafiken
Wie weiter mit der Landwirtschaft?
Ist Bio nun angesagt? Auf dem Heimweg radle ich durch das Plakatierduell zu Bio-Lebensmitteln zwischen links Aldi – Deutschlands selbsternanntem „Biohändler Nr. 1“, mit Naturland-Lieferanten und etwas weiter rechts, Kaufland – dem Händler, bei dem du „richtig“ bist, übrigens Demeter-Mitglied. Die Erkenntnis ist nicht neu: Zuwächse beim Bio-Umsatz realisieren die Discounter und die Supermärkte. Hilft das den Bio-Bauern? Das ist einen kritischen Blick wert – diskutieren doch Bio-Milchbauern quer durch die Ökoverbände über einen Milchorientierungspreis. Und inzwischen nicht nur bei der Milch. Es kommt nicht genug an bei den Landwirten, um nachhaltig dauerfähig Lebensmittel und mehr zu erzeugen. Ist Bio im LEH also nur Margengarant? Die Frage stellt sich auch mit Blick auf die wahrgenommene Verdrängung der Herstellermarken durch Eigenmarken des Handels generell. Auch der Naturkostfachhandel wächst eher bei hybriden Filialisten als bei kleinen Einzelunternehmern.
In der Politik läuft es gerade nicht für Bio-Themen: Die sogenannte „neue“ Gentechnik wird kommen, wohl eher undeklariert und evtl. auch für Öko-Lebensmittel zulässig. Der neue EU-Agrarkommissar hat mit Bio nichts am Hut, ökologische Transformation wird sicher kein Thema mehr sein. Auch hierzulande ist die agrarpolitische Richtung widersprüchlich – auch im Koalitionsvertrag. Und neben Politik und Kostenklemme bedrücken die Landwirte ja auch noch Klimawandel, Blauzunge, ASP, Zikaden, Fachkräftemangel …
Ob da Studiengänge wie „Digital Farming“ oder die Diskussion um „mineralisch-ökologische“ Anbausysteme, – also konventionell ohne Pestizide – Auswege bieten? Bzw. gentechnisch-ökologisch? Oder gar das System der „Controlled environment agriculture“ – Pflanzen, Tiere, Fische aus der Fabrik?
Kurzum: Die Landwirtschaft, aber auch die Gesellschaft befinden sich in einer Multikrise, und zugleich ändern sich die Regeln: Gefragt ist ein Unternehmertum im besten Sinne, das nicht nur Effizienz und Erlös anstrebt, sondern auch neue Kooperationen und Allianzen, neue Betriebsmodelle und den Mut darüber zu reden, was Landwirte leisten. Entscheidungen stehen an, lean and small oder vielfältig komplex verschiedene Betriebszweige und ggf. neue Erwerbskombinationen verbinden? Einen Königsweg gibt es nicht – umso wichtiger ist das konkrete Umfeld. Beim Kunden dürften Gesundheit, Geschmack und Klimaschutz ziehen. Kooperationen horizontal wie vertikal, also auf den Produktionsstufen wie in der Wertschöpfungskette, wären zu prüfen. Das Thema der Tagung in Dornach 2026 heißt passenderweise: „You never farm alone.“ Und für Demeter hierzulande vielleicht Fokus auf Regionalentwicklung, vielleicht Flagship Stores (online?) oder Genossenschaft ergänzend zum Verband?
Weltweit übrigens boomen biodynamische Initiativen, auch unabhängig von Märkten. Biodynamisch ist also durchaus ein zukunftsfähiges Konzept, auch wenn es hierzulande gerade etwas stockt. Wie sagte es Demeter-Landwirt Gerhard Moser auf der Demeter-Delegiertenversammlung im April: „Wir sind die Fachleute für Lebendigkeit.“
Herzlichst Ihr

Inhaltsverzeichnis
KURZ & AKTUELL
u. a. Demeter in der Zeitenwende
Ueli Hurter
PORTRAIT
Diversität in Plantage und Vermarktung
Demeter-Äpfel und Birnen von Latz
Adrian T. Meyer
SCHWERPUNKT
Landwirtschaftliche Gestaltungsprinzipien neu denken
Nachhaltigkeit ist tot – wohin neu ausrichten?
Nikolai Fuchs
Öko-Feldtage 2025 in Sachsen
Zukunftsperspektive Kooperation
Die Herausforderungen gemeinsam bewältigen
Simone Schlecht
Gemeinwohlgüter als neue Einkommenschance?
Wie können Leistungen der Landwirte Eingang ins Rechnungswesen finden?
Christian Hiß
Regenerative Landwirtschaft statt Ökolandbau?
Wertvolle Praxis oder Greenwashing?
Andrea Beste
Community-Läden
Ein Gemeinschaftsmodell macht Hofläden krisenfest
Attila Flöricke
ERNÄHRUNG & LEBENSMITTEL
Fleisch, Tofu, Seitan – ein Stück Lebenskraft?
Wirksensorischer Vergleich von Fleisch und Alternativen
Uwe Geier, Jasmin Peschke, Pamela Wieckmann
Bruderhahn und Gockelprodukte
Der Demeter-Betrieb Schubert bietet Junghennen und verarbeitet Hähnchen
Susanne Aigner
Hochverarbeitete Lebensmittel: Und die Gesundheit ?
Petra Kühne
FELD & STALL
Pflügen mit dem Pferd – die Königsdisziplin
Michael Götz
Arbeitspferde in Deutschland
Eine aktuelle Übersicht
Klaus Strüber
Glasflügelzikade und Stolbur
Eine neue Krankheit in Kartoffel und Gemüsekulturen
Nikola Lenz
Ansätze in der biologisch-dynamischen Pflanzenzüchtung
Zwischen Goetheanismus und dem Einfluss der Klimaveränderung
Maike Bender, Michael Fleck, Carl Vollenweider
Aus- & Weiterbildung
FORSCHUNG
Forschung (PDF) • Biodynamische Präparate und Mobilfunk
Ein On-Farm-Versuch zum Einfluss auf Winterroggen
Uwe Geier, Julian Keller
BIODYNAMISCH
Der Betrieb mit dem Blick des Landwirtschaftlichen Kurses
Die zweite Stufe – Umsetzung der biodynamischen Maßnahmen
Marcel Waldhausen
Biodynamische Ökosophie
Peter Krause
Präparate: Boden und Pflanze stärken!
Michael Olbrich-Majer
Rudolf Steiner
Monika Elbert
AUS DER BEWEGUNG
Nachruf Klaus Wais
Leben gestalten – Zukunft säen
Ein Rückblick auf die internationale biodynamische Tagung in Dornach
Ueli Hurter
Was kann die Kunst uns Landwirten sagen?
Drei Fragen an Miha Pogacnik
Fragen: Michael Olbrich-Majer
Aus dem Verband
Diversität in Plantage und Vermarktung
Demeter-Äpfel und Birnen von Latz
von Adrian T. Meyer
Im Saarland wechselten sich in den vergangenen Jahren heiße, trockene Sommer mit Phasen extremer Niederschläge ab. Wasser ist auf der Obstplantage Latz also stets ein kritischer Faktor – entweder ist zu wenig davon da oder zu viel in zu kurzer Zeit. In diesem Spannungsfeld müssen sich Christian und Johannes Latz zurechtfinden; gemeinsam leiten die beiden Brüder die Latz Obstplantage, die sie von ihrem Vater übernommen haben. Was sie für sich festgestellt haben: Es ist wichtig, zum richtigen Zeitpunkt vorausschauend zu investieren, um Probleme abzufedern, bevor sie in voller Stärke auftreten.

„Bei einer neuen Sorte sollte man nicht gleich 10 ha pflanzen, sondern probieren, beobachten und nicht gleich alle Pferde ins Rennen schicken!“ Johannes Latz
Lieber Obstbauer statt Steuerberater
Ihr Vater, Friedrich Latz, hatte 1956 die ersten Obstbäume am Südhang des Hoxbergs bei Saarwellingen im Saarland gepflanzt. Dass es so weit kam, war nicht selbstverständlich; seine Mutter wollte unbedingt, dass er „etwas Gescheites“ lernt und Steuerberater wird. Friedrich Latz hatte aber schon länger den Wunsch gehabt, entweder Förster oder Obstbauer zu werden. Der Kompromiss: er studiert BWL und schaut danach weiter. Aus dem „Weiterschauen“ wurde die Gründung eines Obstbaubetriebs, der mittlerweile in der zweiten Generation geführt wird. 1982 stellte er die Obstplantage nach Bioland-Richtlinien um. Nach der Hofübernahme durch Christian und Johannes Latz entschieden sich die beiden 1997, den Betrieb biologisch-dynamisch zu bewirtschaften und traten dem Demeter e.V. bei. In der Biodynamik sahen die beiden die konsequenteste Art der Kulturführung im ökologischen Landbau. Ihr Vater, breit interessiert an jeder Art von ökologischem Anbau, hatte bereits mit biodyn-Präparaten, Rührfass und Kompost experimentiert, von daher war der letzte Schritt hin zur Umstellung nur ein kleiner. Für den Kompost und das tierische Element im Betriebskreislauf beziehen sie Pferdemist von einem Hof in der Nachbarschaft. Die Präparate kaufen sie zu: „Wir rennen eh schon der Arbeit hinterher, alles können wir leider nicht selbst machen“, so Johannes Latz.
Äpfel mit Birnen vergleichen

In den vergangenen Jahren waren – nach mehreren Jahren mit trockenen Sommern – vor allem die Phasen extremer Niederschläge eine große Herausforderung. Vor allem die Äpfel reagieren sehr empfindlich auf den Nässestress an den Wurzeln. Sind die Bäume geschwächt, geben sie einen bestimmten Geruch ab; dieser lockt den Ungleichen Holzbohrer (Xyleborus dispar) an, der Löcher in die Stämme bohrt und eine Pilzerkrankung verbreitet. Letztes Jahr haben die Brüder über 1200 Bäume auf den Hängen verloren. Der Befall ist zuerst nur schwer ersichtlich, man muss explizit nach den kleinen Löchern suchen, die der Schädling hinterlässt. Innerhalb von sechs Wochen sterben dann die Bäume ab; ganze Reihen wurden so dahingerafft. Birnen hingegen haben diese Probleme nicht – die Quittenunterlage der Birnen kommt gut mit Nässe klar.
Wie also auf das Problem reagieren? Mehr Arbeit in die Äpfel stecken, Drainagen legen und gegen die Witterungsbedingungen ankämpfen? Christian und Johannes haben sich dann dafür entschieden, mehr Birnen anzupflanzen. 2024 pflanzten sie 2000 Bäume der Sorte Abate. Ihre Berater waren zwar etwas zurückhaltend bei der Empfehlung der Sorte, aber bisher sind die beiden Betriebsleiter zufrieden. Johannes betont, dass man den Mut haben muss, Dinge auszuprobieren; man solle von Fall zu Fall entscheiden und die Nerven behalten. Aber: „Bei einer neuen Sorte sollte man nicht gleich 10 ha pflanzen, sondern probieren, beobachten und nicht gleich alle Pferde ins Rennen schicken“, erklärt er die Vorgehensweise auf dem Betrieb. Gerade testen sie eine neue Sorte, Talga Beauty, und schätzen deren Robustheit.
Sie hatten auch versucht, anderes Obst auf der Plantage anzubauen; das betreiben sie aber mittlerweile nur noch als Hobby. Weder Steinobst (Pfirsiche und Aprikosen) noch Tafeltrauben haben sich dort besonders wohl gefühlt. Erst haben Pilzerkrankungen zu viele Probleme bereitet, dann die Wespen; die Trauben waren auch zu kleinbeerig und hätten sich nicht gut verkauft. Zwar gab es auch ein paar gute Pfirsichjahre, alles in allem war es aber eher ein Glücksspiel. Da der Betrieb ein guter Standort für Äpfel und Birnen ist, haben die Brüder entschlossen, sich darauf zu konzentrieren.

Die Bienen und die Blühstreifen
Eine Zeit lang wollten die Boskoop-Äpfel nicht richtig tragen. Als Johannes im Frühjahr durch die jungen Bäume am Hang lief, fiel ihm auf, dass er gar kein Summen hörte; und das, obwohl sie ein paar Beuten mit Honigbienen hatten. Nach kurzer Untersuchung stellte sich heraus, dass die Bienen viel zu beschäftigt waren, auf den Nachbarfeldern den Raps zu besuchen, um Nektar zu ernten. Die Blüten der Bäume haben sie gar nicht interessiert und so fand fast keine Bestäubung statt. Die Lösung? Seit einigen Jahren hält der Hof Wildbienen, speziell die roten und gehörnten Mauerbienen (Osmis Bicornis und Osmia Cornuta). Die Vorteile gegenüber der normalen Honigbiene sind der geringere Flugradius und vor allem die Vorliebe für Obstblüten sowie die Abneigung gegen Raps. Auch sind sie bei niedrigeren Temperaturen bereits aktiv. Auf der Anlage bieten sie diesen Bestäubern über 40 Niststandorte an. Im Winter werden die Nistbrettchen geöffnet, die Bienenkokons entnommen, von Parasiten befreit und im Kühlhaus bis zum nächsten Jahr sicher gelagert. Mauerbienen unterstehen als Wildbienen zwar dem Bundesnaturschutzgesetz, die Latz Obstplantage hat allerdings eine Ausnahmegenehmigung für Entnahme und Handel – interessierte Gärtner und Obstanbauer können dort auch Mauerbienenkokons erwerben.
Vor etwa zehn Jahren stellten sich die beiden Betriebsleiter die Frage, wie man mehr Biodiversität in die Anlage bringen könnte. Denn selbst nach biologisch-dynamischen Prinzipien bewirtschaftet, bleibt eine Obstplantage weitestgehend eine Monokultur. Einfach auf das Mulchen zu verzichten war keine Option; zu groß das Risiko durch Wühl- und Feldmäuse, die die Wurzeln der Bäume abfressen. Ein höherer Bewuchs bedeutet für diese unerwünschten Besucher Schutz vor Greifvögeln. Als Kompromiss entstand die Idee des Blühstreifens in der Fahrgasse; dafür wurde extra ein neuartiges Mulchgerät konzipiert. Mit dieser Methode konnten sie 15% der Fläche in Blühflächen verwandeln. In Zusammenarbeit mit dem Julius-Kühn-Institut (JKI) Darmstadt führten sie einen vierjährigen Freilandversuch durch und die Bonituren zeigten eine Zunahme von Nützlingen in den Bereichen der Plantage, die mit Blühstreifen eingesät waren. Im Spätsommer werden dann auch die Blühstreifen gemulcht, damit die Greifvögel besser an die Mäuse rankommen.

„Gegen zu viel Wasser ist man fast machtlos; Trockenheit ist deutlich besser zu managen.“ Johannes Latz
Zwischen Trockenheit und Frost
Im Tal, etwa 45 Höhenmeter unter den Plantagen auf den Hängen, liegt eine Quelle auf den Betriebsflächen. Nach mehreren trockenen Sommern haben sich Johannes und Christian gefragt: „Wie kriegen wir das Wasser den Berg hinauf?“ 2018 haben sie angefangen, auf dem Hügel ein Reservoir anzulegen und flächendeckend in der Plantage Tröpfchenbewässerung zu verlegen. Da sie, auch aus Gründen der Nachhaltigkeit, nicht damit zufrieden waren, die Pumpe für das Reservoir mit dem Dieselmotor des Schleppers zu betreiben, investierten die beiden 2021 in eine auf dem Quellteich schwimmende Solarpumpe. Es war die erste ihrer Art in Deutschland und wurde von der Hamburger Firma Lorentz Solar Pumps für rund 15.000€ erworben und installiert. Das appgesteuerte System funktioniert gut und hat sich laut Johannes bereits bezahlt gemacht; bei entsprechender Sonneneinstrahlung liefert die Pumpe bis zu 120m³ Wasser pro Tag.
Als die Herausforderungen mit Blütenfrösten im Frühjahr zunahmen, konnte das installierte System von Reservoir und Solarpumpe ebenfalls Abhilfe schaffen. Anfangs hatte der Betrieb versucht, dieses Problem mit Frostschutzkerzen abzuwenden, was allerdings zu arbeitsaufwendig und zu teuer war. Eine Frostschutzberegnung, so sie erstmal eingerichtet ist, ist die kostengünstigere und nachhaltigere Alternative. Der Knackpunkt hier ist die große Menge an Wasser, die in kurzer Zeit benötigt wird: im Gegensatz zur Tröpfchenbewässerung braucht man überall gleichzeitig das Wasser; und wo nur einen Durchlauf von etwa 20m³ Wasser pro Stunde hat, liegt er bei der Frostberegnung bei rund 350m³ Wasser pro Stunde. Das große, angelegte Reservoir reicht aber aus, um diese Mengen bereitzustellen. „Bei solchen Problemen heißt es: investieren oder russisch Roulette spielen“, kommentiert Johannes den monetären Aufwand, den eine solche Anlage beim Aufbau mit sich bringt. Kollegen im Rheinland ist in den vergangenen Jahren alles abgefroren, der Obstplantage Latz hat das System ein paar Mal fast das gesamte Jahreseinkommen gerettet. Mittlerweile läuft die Anlage jedes Jahr.

Vermarktung nach Deutschland und Luxemburg
In den vergangenen Jahren gab es einige Hochs und Tiefs in der Vermarktung. Als die Corona-Pandemie in Deutschland ankam, konnte sich der damals noch existierende Hofladen vor Kunden kaum retten; Gesundheit und gutes Essen standen plötzlich hoch im Kurs. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine trat dann das Gegenteil ein: die Kunden – vor allem die deutschen – haben plötzlich intensiv am Essen gespart, lediglich die „Überzeugungskunden“ sind geblieben. Vergangenes Jahr, im Oktober 2024 haben sie dann den Hofladen dauerhaft geschlossen. Aus gesundheitlichen Gründen und weil Christian in Rente ging, wurde die eigentlich für Ende 2024 geplante Schließung zwei Monate vorgezogen. Zu unsicher waren die Absätze im Laden, außerdem hat er viel Arbeitskraft gebunden; eine Teilzeitkraft war nur für die Betreuung und den Verkauf angestellt. Auch andere Hofläden und Bio-Fachgeschäfte in der Gegend mussten schließen – schwindende Kundschaft und Altersaufgabe sind hier die primären Faktoren. Was noch gut läuft, sind Wochenmärkte und vor allem Abokisten.
Heute vermarkten die Betriebsleiter ihre Erzeugnisse lokal über die Öko-Marktgemeinschaft Saar-Pfalz-Hunsrück, einem Zusammenschluss verschiedener Bioland- und Demeter-Betriebe aus diesen Regionen; Dennree und BIOGROS in Luxemburg sind weitere Abnehmer. Seit 2017 ziert auch das Logo „fair & associative“ von BIOGROS mehrere Produkte des Hofes und bescheinigt den Kunden eine solidarische Zusammenarbeit „vom Acker bis auf den Teller“. Die Vermarktung ins Nachbarland zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Kunden eine höhere Kaufkraft haben und stärker an der Herkunft der Lebensmittel interessiert sind. Etwa ein Drittel der auf dem Hof erzeugten Lebensmittel geht an den LEH in Luxemburg.
Interessant bleiben!
Laut Johannes ist es bei der Vermarktung wichtig, für die Kunden interessant zu bleiben. Bei der Auswahl der neuen schorfresistenten und lange lagerfähigen Sorte Natyra waren erst Bedenken vorhanden, weil sie nicht so viel Tonnage bringt, wie andere Apfelsorten; der leckere Geschmack der Äpfel wird aber von den Kunden honoriert und die Sorte bringt höhere Preise ein.
In der Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau e.V. (FÖKO), in der die beiden engagiert sind, gibt es geteilte Meinungen, wie in die Zukunft gegangen werden soll in puncto Anbau und Vermarktung. Manche Obstbauern und Vermarkter wollen lieber klein bleiben und sich um ihre lokalen Kunden kümmern, andere wollen wachsen, um mehr Umsatz zu generieren. Ein FÖKO-Kollege hat die Brüder mal gefragt, warum sie nicht weiter wachsen wollen. Johannes‘ Antwort: „Wachsen bedeutet zwar mehr Umsatz, aber auch mehr Fläche, mehr Arbeit, mehr und andere Maschinen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“
Auf der Obstplantage Latz geht es den beiden Betriebsleitern immer darum, möglichst frühzeitig neue Problemfelder zu erkennen und mit entsprechenden Plänen und Investitionen zeitig dagegen anzugehen. Eine der nächsten Herausforderungen ist die energetische Versorgung der Kühlhäuser im Angesicht steigender Energiekosten. Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach rentiert sich bald kaum noch, da die Einspeisevergütung endet und die Energiespitzen somit nicht rentabel verkauft werden können. Der Plan ist, Batteriespeicher anzulegen, um die erzeugte Energie größtmöglich selbst zu verbrauchen; zur energetischen Unabhängigkeit reicht das allerdings nicht, mit ein paar Batterien kann man keine Kühlhäuser betreiben.
Adrian T. Meyer
Redaktion Lebendige Erde; adrian.meyer(at)demeter.de
Betriebsinfo: Latz Obstplantage
- Demeter seit 1997
- Saarwellingen im Saarland, 250-300 m ü NN; 10,4° C, 950 mm Jahresniederschlag im Durchschnitt
- Boden: sandiger Lehm, 45 Bodenpunkte
- 16 ha Eigenflächen (davon 1 ha Hof, Gebäude, Wasserspeicher, Weiher), 4 ha Pachtland; Anbauflächen ca. 2,5 km vom Betrieb entfernt
- Obstsorten: Äpfel (u. a. Elstar, Boskoop, Natyra), Birnen (u. a. Abate, Williams Christbirne, Alexander Lucas)
- Vermarktung über Öko-Marktgemeinschaft Saar-Pfalz-Hunsrück, BIOGROS und Dennree nach Deutschland und Luxemburg
- Arbeitskräfte: 2 Betriebsleiter, 1 Mitarbeiter in Festanstellung, 2 Mitarbeiter in Teilzeit, sechs Saisonarbeiter
Öko-Feldtage 2025 in Sachsen
Erstmals gastieren die Öko-Feldtage in Mitteldeutschland, auf dem Wassergut Canitz bei Leipzig. Über 320 Ausstellende zeigen am 18. und 19. Juni auf einer Veranstaltungsfläche von über 30 Hektar alle Neuheiten zur ökologischen Landwirtschaft. Auf über 650 Demonstrationsparzellen wächst von Anis bis Zwiebel die ganze Sortenvielfalt des Ökolandbaus.
Als neues Veranstaltungselement gibt es einen gesonderten Ausstellungsbereich Tier mit circa 20 Ausstellenden. Erstmalig werden besondere Tierrassen gezeigt: Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) präsentiert, unter Berücksichtigung der aktuellen Seuchenlage, verschiedene Schaf- und Rinderrassen. Vom Infopoint des Tierhaltungsbereichs aus starten Führungen zum Kompostierungsstall und zur Waldweide des Wasserguts Canitz – einem neuen Projekt des Betriebs, zu dem eine Mutterkuhherde mit 170 Tieren der Rasse Charolais gehört.
Der Veranstaltungsort
Die Wassergut Canitz GmbH ist ein seit 1992 ökologisch wirtschaftender Landwirtschaftsbetrieb und arbeitet nach Bioland-Richtlinien. Als Tochterunternehmen der Leipziger Wasserwerke wurde die GmbH 1994 gegründet. Wichtigstes Ziel des Unternehmens ist der Schutz der Trinkwasserressourcen im Einzugsgebiet der Wasserwerke in Canitz, Thallwitz und Naunhof. Dabei stehen Umweltschonung, Bodenfruchtbarkeit aber auch die Grundwasserneubildung im Mittelpunkt. Auf insgesamt 880 Hektar Fläche werden Getreide, Futterpflanzen, Leguminosen, Gemüse, Zwiebeln und Kartoffeln erzeugt; das Grünland ist Weideland für die Mutterkühe.
Wasserschutz im Fokus
Für die Landwirtschaft ist Wasser nicht nur Lebensgrundlage, sondern auch eine der größten Herausforderungen. Auf den Öko-Feldtagen 2025 steht das Thema Wasser im Mittelpunkt: gezeigt werden innovative Ansätze des nachhaltigen Umgangs mit dieser wertvollen Ressource. Das Fachprogramm der Öko-Feldtage setzt ebenfalls einen Schwerpunkt auf das Thema Wasser. In verschiedenen Foren, Workshops und Führungen kommen Experten und Praktiker zusammen, um über Herausforderungen, bewährte Praktiken und zukunftsweisende Ansätze im Wasserschutz zu diskutieren. Neben der Sonderfläche zur Präsentation von wasserschonenden Verfahren in der Beregnungstechnik gibt es unter anderem Führungen zu angepassten Sorten in Zeiten des Klimawandels oder zum Wasserwerk Canitz/Thallwitz. Podiumsdiskussionen zu Zielkonflikten beim Thema Wasser in der Landwirtschaft oder neuen Lösungsansätzen wie den Klima- und Schwammlandschaften runden das Angebot ab.
Maschinenvorführungen
Gezeigt werden insgesamt 42 Maschinen zur flachen Bodenbearbeitung sowie Striegel, Hacken zwischen und Hacken innerhalb der Reihen und Maschinen zur Futterbergung. Autonome Landtechnik wird auf eigenen Vorführflächen an den Ständen der Ausstellenden präsentiert.
Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) ist Fördermittelgeber der Öko-Feldtage 2025. Schirmherren sind der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Alle weiteren Infos u.a. zum vielfältigen Fachprogramm sowie dem Ausstellerverzeichnis finden Sie unter www.oeko-feldtage.de

Auf den Öko-Feldtagen 2025
Ökozüchtung
Was gibt es Neues in der Ökologischen Pflanzenzüchtung? Die Bingenheimer Saatgut AG präsentiert auf den diesjährigen Öko-Feldtagen zusammen mit weiteren Partnern über 80 verschiedene Sorten im Anbau, unter anderem zahlreiche Gemüsesorten aus der Züchtung von Kultursaat e. V. Neben der individuellen Sortenberatung gibt es Informationen zum Stand eigener Züchtungsprojekte wie samenfeste Gurkenunterlagen, Winterblumenkohl und Knoblauch Stand: B 3.2
Demeter
Da, wo der Hügel im Permakultur-Keyline-Design ist, findet man auf den diesjährigen Öko-Feldtagen den Demeter-Stand, am Eingang zu den Demoflächen gegenüber vom Infopoint. Demeter Beratung und Forschungsring präsentieren hier Ideen für die Landwirtschaft gemeinsam mit der biodynamischen Ausbildung im Osten, dem Arvense e.V. , mit der Klimapraxis , der Baumfeldwirtschaft und versorgt von Hof Mahlitzsch. Die Aussteller rund um Demeter, organisiert von Demeter im Osten, finden sich am Stand: B 5.3.
Fleisch, Tofu, Seitan – ein Stück Lebenskraft?
Wirksensorischer Vergleich von Fleisch und Alternativen
von Uwe Geier, Jasmin Peschke, Pamela Wieckmann


Seit einigen Jahren nimmt der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch in Deutschland von knapp 61 Kilogramm in 2018 auf 52 Kilogramm in 2023 kontinuierlich ab. Für eine klimafreundliche Ernährungsform dürften es aber 50 Prozent weniger sein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt sogar nur höchstens 300 Gramm Fleisch und Wurstwaren pro Woche. Im letzten Ernährungsreport gaben 41 Prozent der Befragten an, sich flexitarisch zu ernähren. Das heißt, sie essen von allem etwas, und bewusst nur gelegentlich Fleisch und Wurst. Vegetarier waren 8 Prozent der Befragten und 2 Prozent gaben an, sich vegan zu ernähren. Das entsprach den Ergebnissen des Vorjahres. Trotzdem erfreuen sich vegane Produkte zunehmender Beliebtheit und die Umsätze steigen. Neugier ist der häufigste Grund für die Kaufentscheidung; weiterhin werden vegane Produkte gekauft, weil sie schmecken. Tierschutz oder weil es gut für das Klima und die Umwelt ist, kommen als Gründe erst an dritter bzw. vierter Stelle.
Die Wirkung auf die Befindlichkeit spielte in der Befragung keine Rolle. Diese ist aber durchaus sehr unterschiedlich und ihre Wahrnehmung kann eine individuelle Ernährungsform unterstützen. In einem Projekt wurde mittels Wirksensorik® untersucht, wie sich tierische und pflanzliche Produkte in ihrer Wirkung auf das körperliche und emotionale Befinden unterscheiden. Erste Ergebnisse der Prüfung von Kuhmilch im Vergleich zu Hafer- und Mandeldrink wurden bereits veröffentlicht (LE 02/2024).
Wie wir entscheiden, was wir essen, ist sehr individuell. Dabei spielen Geschmack, individuelle Vorlieben, Werte und auch Nahrungstrends eine Rolle. Die Wahrnehmung der unterschiedlichen Wirkung von Lebensmitteln auf das emotionale und körperliche Befinden kann ein weiterer Baustein sein, die persönliche Ernährungskompetenz auszubauen. In der Kauf- bzw. Verzehrs-Entscheidung kann in einem Moment der Achtsamkeit bewusst entschieden werden: was benötige ich jetzt in diesem Moment.
Unterschiede bei Geschmack und Konnotation
Rindfleisch und vegane Fleischalternativen unterscheiden sich nicht nur in ihrem Ursprung und der Erzeugung, sondern auch in ihrem Geschmack. Fleischerzeugnisse wurden in einer Befragung der DLG (2017) als appetitlicher und besser schmeckend eingestuft. Trotzdem verbinden viele Verbraucherinnen und Verbraucher mit Fleischersatzprodukten durchaus positive Aspekte. Das sind z. B. Gesundheit, Umwelt, Klima und Tierwohl.
Auch von den Inhaltsstoffen her handelt es sich um unterschiedliche Produkte. Rindfleisch enthält im Vergleich zu den pflanzlichen Produkten Tofu und Seitan keine Kohlenhydrate, etwas weniger Fett (im Durchschnitt) und eine vergleichbare Menge an Protein. Weiterhin unterscheidet sich Rindfleisch bezüglich Cholesterin, Vitamin B6 sowie B12, Niacin, Kalium und Zink mit höheren Werten deutlich von Tofu und Seitan.
Fleisch ist im Gegensatz zu pflanzlichen Produkten geprägt vom Wesen der jeweiligen Tiere. Ihre Fütterung und Haltung bis zur Schlachtung und Verarbeitung wirken sich zudem auf die Qualität aus. So wurde zum Beispiel in einer Studie gezeigt, dass bei Hoftötung gegenüber der Schlachtung in einem Schlachthaus im Fleisch signifikant weniger Stresshormone vorhanden sind.
Der tierische Charakter, der mit Emotionen verbunden ist, führt häufig dazu, dass Fleisch von vegetarisch bzw. vegan lebenden Menschen abgelehnt wird.
Rudolf Steiner beschreibt die Wirkung des Fleisches als Verstärkung der Bindung an die Erde und förderlich für die „physische Kombinationsfähigkeit“ zum Beispiel für alle, deren Tätigkeit mit der „Arbeit des Berechnens“ zu tun habe. Für die geistige Schulung rät er allerdings vom Fleischgenuss ab.
Ergebnisse der Wirksensorik®
Zwei Gruppen an Prüfpersonen haben jeweils zweimal die Wirkung von tierischen und pflanzenbasierten Produkten auf das körperliche und emotionale Befinden getestet. Geprüft wurden Rindfleisch, Tofu und Seitan. Alle Produkte waren bio-zertifiziert, das Fleisch hatte Demeter-Qualität.
Zwei unabhängige Prüfgruppen geschulter Personen (je ca. 9 Personen) verkosteten die drei Proben: Bio-Tofu, Bio-Seitan und Demeter-Rindfleisch. Sie wurden in zufallsverteilter Reihenfolge und kodiert wiederholt verkostet. Eine wissenschaftliche Frage dabei war, ob die beiden Prüfgruppen zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen. Für die Darstellung sind hier die Ergebnisse zusammengeführt und geprüft, wo die beiden Gruppen übereinstimmende Aussagen treffen. In acht der zwölf Einzelmerkmale eines Wirksensorik-Fragebogens wird das Demeter-Rindfleisch signifikant günstiger bewertet als Tofu und Seitan. Nach dem Demeter-Rindfleisch empfanden sich die Testpersonen wärmer, erfrischter, motivierter, konzentrierter, entspannter, wohliger, zufriedener und ausgewogener als nach Tofu oder Seitan. Die deutlichsten statistischen Unterschiede gab es bei den emotionalen Merkmalen (Entspannung, Wohlgefühl, Zufriedenheit und Ausgewogenheit) zugunsten des Rindfleisches.
Neben den zwölf Einzelmerkmalen, die im Fragebogen abgefragt wurden, sollten die Prüfpersonen die wichtigsten Beobachtungen frei wiedergeben. Durch diese sogenannte freie Beschreibung gelingt es, zusätzliche Eigenschaften zu erfassen, die über die zwölf Einzelmerkmalen des Fragebogens hinausgehen.
Diese Eigenschaften der freien Beschreibung können zu wenigen Hauptqualitäten zusammengefasst und den entsprechenden Körperregionen zugeordnet in einem sogenannten Körperwirkungsbild dargestellt werden (Abbildung 1). Es sind deutliche Unterschiede zwischen den Wirkungen der drei Lebensmittel zu erkennen. Beim Tofu sind die Haupteigenschaften hell/licht, guter Stand und Schwere mit jeweils über zehn Nennungen. Positiv und negativ konnotierte Eigenschaften (grün bzw. rot in der Abbildung) treten etwa in gleicher Häufigkeit auf. Beim Seitan überwiegen in der Summe negativ konnotierte Eigenschaften, wie Schwere, diffus, Druck und dunkel. Positiv konnotierte Eigenschaften sind vor allem hell, warm und guter Stand. Das Demeter-Rindfleisch setzt sich von beiden anderen Proben deutlich ab. Die positiv konnotierten Eigenschaften guter Stand und warm werden viel häufiger als bei den Vergleichsprodukten genannt. Auffällig ist die häufige Nennung des Merkmals stark/Stärkung, welches bei Tofu und Seitan überhaupt nicht auftritt. Negativ konnotierte Eigenschaften werden beim Demeter-Rindfleisch kaum genannt.
Demeter im Vergleich mit Konventionell
Die Deutlichkeit der Ergebnisse hat überrascht. Gleich kam die Frage auf, wie konventionelles Rindfleisch im Vergleich mit Demeter-Rindfleisch zu bewerten ist. Auf die Fleischqualität wirken neben der Haltung viele Faktoren, wie die Schlachtung oder der Transport. Deshalb sollten für die Beantwortung der Frage nach der Qualität des Demeter-Rindfleischs noch einige Experimente durchgeführt werden. Ein erster Vergleich konnte im Herbst 2024 gemacht werden. Demeter-Rindfleisch von einem Betrieb aus Darmstadt wurde wirksensorisch mit konventionellem Fleisch aus Deutschland der Haltungsstufe 2 verglichen. Zum Einsatz kam die geschulte Prüfgruppe aus Darmstadt. Neben der Wirksensorik® wurden die Proben in einem Fachlabor sensorisch und analytisch auf Unterschiede getestet. In acht der zwölf Fragebogenmerkmale gab es signifikante Unterschiede. Nach dem Demeter-Fleisch empfanden sich die Testpersonen wärmer, motivierter, wacher, konzentrierter, entspannter, wohliger, zufriedener und ausgewogener als beim konventionellen Fleisch.
Es muss aber betont werden: Für abgesicherte Aussagen müssen mehr Proben untersucht werden. Das gilt sowohl für Tofu und Seitan wie für die Fleischproben. Die ziemlich übereinstimmenden Ergebnisse von zwei unabhängigen Demeter-Rindfleischproben lassen erwarten, dass ähnliche Effekte wiedergefunden werden. Weil die Probenunterschiede derart deutlich waren, kann man davon ausgehen, dass bei achtsamer Verkostung Verbraucherinnen und Verbraucher die Wirkqualität ihres Fleisches selbst wahrnehmen können. Eine solche Untersuchung wäre anzustreben.
Zusammenfassung und Ausblick
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen deutlich, dass sich nicht nur die stoffliche Zusammensetzung von Demeter-Rindfleisch im Vergleich zu Bio-Tofu und Bio-Seitan, sondern auch die mittels Wirksensorik® erfasste körperliche und emotionale Wirkung stark unterscheiden. Sie sind somit Produkte von völlig andersartiger Qualität und stellen weniger direkte Alternativen oder Ersatzprodukte dar. Sichtbar wurde auch, dass sich das Demeter-Rindfleisch im Vergleich zu handelsüblichem Bio-Tofu und Bio-Seitan durch vorwiegend positiv konnotierte Eigenschaften deutlich absetzt. Der Genuss von Fleisch könnte damit individuell und gezielt in der Ernährung eingesetzt werden, um eine bestimmte Wirkung zu erfahren.

Literatur zum Projekt und zur Methode
- Geier U., Peschke J., Wieckmann P., Mandt G., Emotional profiling of cow’s milk, beef and plant-based alternatives by trained observers. In preparation.
- Geier U., Scheller E., (2021), Neue Methoden der Bewertung lebensmittelinduzierter Emotionen. Ernährung im Fokus 02 2021.
- Geier U., Büssing A., Kruse P., Greiner R., Buchecker, K., (2016), Development and Application of a Test for Food Induced Emotions. PLoS ONE 11(11): e0165991. doi:10.1371/journal.pone.0165991
- Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), (2024), Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch sinkt auf unter 52 Kilogramm, www.ble.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2024/240404_Fleischbilanz.html
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- Geier U., Peschke J., Wieckmann P., (2024), Milch und pflanzliche Alternativen – gefühlt unterschiedlich?, Lebendige Erde 02 – 2024: 24 – 26
- DLG Testzentrum Lebensmittel, (2017), DLG-Studie 2017 Akzeptanz und Käuferverhalten bei Fleischersatzprodukten, DLG.org
- Schweizer Nährwertdatenbank, naehrwertdaten.ch/de/, abgerufen 03.03.2025
- Spengler Neff A., Probst J. K., Knösel M., (2023), Hoftötung oder Tötung im Schlachthof: Unterschiede bei stressanzeigenden Parametern. Agrarforschung Schweiz 14: 90–95, doi.org/10.34776/afs14-90
- Steiner R., (201), Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen – physischer Leib, Ätherleib, Astralleib – und sein Selbst?, Vortrag 21.03.1913, GA 145, 7. Aufl., Rudolf Steiner Verlag
- Steiner R., (2007), Anweisungen für eine Esoterische Schulung, Vortrag 13.08.1908, GA 266/1, 2. Aufl., Rudolf Steiner Verlag
- Steiner R., (2007), Anweisungen für eine Esoterische Schulung, Vortrag undatiert, GA 266/1, 2. Aufl., Rudolf Steiner Verlag
Leben gestalten – Zukunft säen
Ein Rückblick auf die internationale biodynamische Tagung in Dornach
In konzentrierter und zugleich festlicher Stimmung fand die Landwirtschaftliche Tagung 2025 vom 5. bis 8. Februar 2025 am Goetheanum statt. Bis zu 800 Teilnehmende aus 47 Ländern kamen zusammen, um gemeinsam an drei zentralen Aufgaben und Themen zu arbeiten: der Zukunft der biodynamischen Bewegung, der Erde als lebendiges Wesen und dem methodischen Zugang über die sieben Lebensprozesse nach Rudolf Steiner.
Die Zukunft der biodynamischen Landwirtschaft
Nachdem wir im vergangenen Jahr das 100-jährige Jubiläum des biodynamischen Impulses gefeiert haben, widmen wir uns nun der Zukunft. Wir haben die Aufgabe, sie aus eigenen Kräften zu gestalten. Wie kann und soll sich diese Zukunft erschließen? Ganz einfach, indem möglichst viele Menschen eine ökologische, regionale und multifunktionale Landwirtschaft in gemeinschaftlicher Weise praktizieren. Dies wurde in der Eröffnungspaneldiskussion durch drei Initiativen aus Ägypten, Indien und Mittelamerika eindrucksvoll veranschaulicht. Es ist ermutigend, von großen Projekten mit zehntausenden beteiligten Familien zu hören, die dank einer nachhaltigen Landwirtschaft spürbare Verbesserungen ihrer Lebensverhältnisse erreichen. Dieses Panel gestalteten Frauen, denn die Multiplikation in den Dörfern erfolgt vor allem durch Frauen.
In weiteren Beiträgen wurden inspirierende Initiativen vorgestellt, bei denen Schulen auf Höfen integriert sind und der Unterricht direkt in die praktische Arbeit im Stall, auf dem Feld, im Garten, in der Küche und beim Bauen eingebunden ist. Wir hörten von einem Projekt in Großbritannien mit 16 Standorten, an denen der biodynamische Organismus als therapeutischer Raum für Jugendliche dient, die sich in schwierigen Lebensphasen befinden. Ebenso lauschten wir beeindruckt den Geschichten eines kleinen Hofes in Flandern, Belgien, der sich mitten in einer Region industrieller Landwirtschaft seine eigene Zukunft durch soziale Bodenbildung und verschiedene Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens geschaffen hat.

Ein Schlüssel zum Verständnis des Lebens
Die sieben Lebensprozesse nach Rudolf Steiner bieten eine detaillierte Beschreibung des Phänomens Leben. Sie zeigen sich beim Menschen als fortschreitende Prozesse: Atmen – Wärmen – Ernähren – Absondern – Erhalten – Wachsen – Reproduzieren. Nach einer fundierten Einführung aus ärztlicher Sicht haben wir uns übend mit diesen Prozessen vertraut gemacht. Diese Prozesse wurden in Lernschritte übertragen, sodass aus dem ersten Prozess des Atmens beispielsweise das Beobachten hervorging und aus dem vierten Prozess des Absonderns die Individualisierung. Mit diesem Instrumentarium lässt sich auch der Hoforganismus untersuchen und gezielt gestalten. Wie kann man die „Atmung“ des Bodens wieder in Gang bringen, wenn sie stockt? Wird bei der Düngung die Individualisierung ausreichend berücksichtigt? Basieren Wachstum und Entwicklung auf einem stabilen Fundament der vorhergehenden Lebensprozesse? Durch die Perspektive der sieben Lebensprozesse können wir auch die Erde als lebendigen Organismus neu wahrnehmen und besser verstehen.
Die Erde als Lebewesen
Was bedeutet Leben für die Erde und für uns als Menschheit? Drei Aspekte von Leben wurden benannt: Bios als das vegetative Leben, sichtbar in der Welt der Pflanzen; Zoé als das seelische Leben, das in der Vielfalt der Tiere erscheint; und Aion als das geistige oder ewige Leben, dessen Träger der Mensch sein kann. Die Erde als Lebewesen wird begreifbar, wenn man ihre kosmische Lage bedenkt: Sie befindet sich in einer Position zur Sonne, die eine dynamische, mittlere Wärme in der Atmosphäre ermöglicht – im Gegensatz zu ihren planetaren Nachbarn. Während die sonnennah gelegene Venus von heißem Dampf und der sonnenferne Mars von eisiger Kälte geprägt sind, zeichnet sich die Erde durch das „Mittlere“ aus. Dieses Prinzip des Ausgleichs findet sich auch im fruchtbaren Boden wieder, wo sich Wärme und Luft einerseits und Feuchtigkeit und Mineralstoffe andererseits durchdringen.
Unsere Verantwortung für die Erde
Getragen wurde die Tagung vom Leitgedanken des Michaelbriefs „Michaels Wirken in der Ahriman-Sphäre“, der uns daran erinnert, dass wir Menschen seit Beginn der Moderne in besonderer Verantwortung stehen. Denn die Entwicklung der Naturwissenschaft und Technik hat uns einerseits persönliche Freiheit ermöglicht, uns andererseits aber auch zu einer potenziellen Gefahr für das Leben auf der Erde gemacht. Gerade die biodynamische Landwirtschaft bietet eine konkrete Möglichkeit, unserer Verantwortung für die Erde aus freiheitlichen Kulturimpulsen heraus gerecht zu werden.
Ueli Hurter
Was kann die Kunst uns Landwirten sagen?
Drei Fragen an Miha Pogacnik

Miha – wie kommt es, dass Du als klassischer Geigensolist für Kühe oder Weinfässer spielst?
Mein großes Anliegen seit einem halben Jahrhundert ist, die Kunst in der Gesellschaft neu zu positionieren und die Musik aus ihrer Unterhaltungsrolle zu befreien! Ich spiele ohne Ausnahme und ohne Aufnahme die Meisterwerke der klassischen Musik. Sie sind organisch, tragen die Gestaltungskraft in sich und bieten dem bewussten Zuhörer Lösungen: interdisziplinär, interkulturell und intergenerationell ohne Vorkenntnisse. Ich spiele und forsche auf der „Wasserfrequenz“ Hz 429.62 und beobachte positive heilende Wirkungen bei Mensch, Tier und Pflanze. In aller Welt unterstütze ich nach der Traubenernte den Fermentierungsprozess, indem ich auf dem Fass sitzend Bach`sche Fugen spiele. Die Winzer berichten alle von einem besonderen Jahrgang!
Bei der landwirtschaftlichen Tagung in Dornach konnten wir nicht nur Deine Bach-Interpretationen hören, sondern auch Deine Einstimmung in den Tag mit Geige und Flipchart zur Betrachtung von Prozessen. Machst Du das öfters?
Ich habe eine Methode entwickelt, mit der ich die Meisterwerke vor dem Publikum auseinandernehme, die klingenden Urbilder zeichne und erlebbar mache. Dadurch werden die Gestaltungskräfte der Musik freigelegt und wirksam. Das wirkt individuell bei Menschen nachhaltig als die Kraft der Veränderung. Als Spezialität habe ich neulich für die Bauern aus einer Fuge einen musikalischen „Komposthaufen“ gemacht.
Du sagst, „Kultur“ kommt bei Agrikultur immer zu kurz – dabei könne sie Impulse zur Gestaltung, z.B. der landwirtschaftlichen Individualität stärken. Wie meinst Du das konkret?
Beim IDRIART Festival 1985 standen wir mit Bert Graf von Keyserlingk auf der großen Bühne in Budapest vor über tausend Teilnehmern hauptsächlich aus mittel- und osteuropäischen Ländern. Statt des angekündigten Vortrags über die Entstehung des Landwirtschaftlichen Kurses, sank Bert auf die Knie und rief: „Miha, du geigst in den Himmel, und wir Bauern geigen in die Erde!“ Schluss des Vortrags. Diese Donnerworte begleiten mich seitdem.
Wie kann die Kunst im Zentrum stehen? Auf der einen Seite stehen wir in den sich wiederholenden Kräften und Zyklen der Natur, und auf der anderen Seite wird Natur zu Kunst durch den Menschen erlöst. Wir – meine Lebensgefährtin und ich – bemühen uns mit vielen anderen weltweit, Orte der Landwirtschaft zu finden, die sich in Kulturoasen entwickeln wollen und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, dorthin zu „pilgern“ und zu inspirieren!
Fragen: Michael Olbrich-Majer
Wege Bereiten
Demeter-Entwicklungsbericht 2024/25
Anfang April wurde der Demeter-Entwicklungsbericht 2024/25 digital veröffentlicht. Im Fokus steht das Jubiläumsjahr 2024, in dem 100 Jahre biodynamische Wirtschaftsweise und Demeter gefeiert wurden. Der Entwicklungsbericht gibt zahlreichen Pionier:innen das Wort, die mit Mut, Kraft und Ausdauer ihren biodynamischen Weg verfolgten – ob in der Landwirtschaft, Vermarktung oder im Handel. Sie haben den Weg für kommende Generationen bereitet. Auf vielen Höfen finden derzeit Übergaben statt, innerfamiliär als auch durch Menschen „von außen“. Was bringt die Zukunft für diese Betriebe und für die internationale Demeter-Gemeinschaft? Außerdem blickt Demeter unter anderem auf die Aufarbeitung der Demeter-Geschichte in der NS-Zeit, die Arbeit in den fünf Demeter-Regionen und die Entwicklungen in Forschung, Bildung und der ökologischen Tierzucht.
Bericht unter www.demeter.de/entwicklungsbericht/2024
