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16.8.2018 : 4:23 : +0200

Wenn der Preis nicht die Wahrheit sagt

Faire Preise für Milchbauern?

 

Hand aufs Herz, wissen Sie, was ein Liter Vollmilch kostet? Und was kostet der Liter Bio-Milch? Nicht ungefähr –bitte genau! Es kommt auf den Cent an. Behauptet der Einzelhandel. Es geht um 20 Cent. Fordern die Milchbauern, die ihre Existenz sichern wollen. Denn sie leben aktuell von der Substanz.

 

Apollinaris Tafelwasser im Supermarkt kostet 60 ct/Liter, der Liter Vollmilch bei Aldi 48 Cent. Nach einer vorübergehenden Hochpreisphase im letzten Jahr kam es jetzt umso schlimmer für die Bauern. Der Milchstreik wird ihnen, wie im letzten Jahr, nur eine kurze Pause verschaffen. Auch die Getreidepreise sind so tief wie noch nie abgesackt, und neue Hygienegesetze ermöglichten die Verlagerung des Fleischverkaufs in die Discounter. Mit entsprechenden Minipreisen, versteht sich. Beim Biohandel sind die Verhältnisse ähnlich, trotz der ein oder anderen Solidaritätsaktion für die Biomilchbauern: Mondwasser aus der besonderen Quelle für 1,49, daneben sieht die beste Demeter-Milch selbst für 1,29 blass aus. Ist das gerecht? Hat das irgendwas mit den Gestehungskosten zu tun?

 

Einem gerechten Preis kann man sich von zwei Seiten nähern: Vom Erzeuger bzw. der Wertschöpfungskette her, also der Seite der Kosten. Und von der Käuferseite, der Nachfrage, der in Geld bemessenen Wertschätzung.

 

Als Konsument gibt man, was man für angemessen hält und der fortschrittliche Käufer gibt einen Aufschlag für Bio und vielleicht noch für Fairness dazu. Dass das funktioniert, sieht man am großartigen Erfolg des Fair Trade- Labels, aber auch am Fair- Groschen für die Upländer Biomilch. Nur – was empfindet der Konsument als angemessen?

Wer Lebensmittel verkauft, versucht meist, die Kunden mit Superbilligsignalen bei bestimmten Leitprodukten zu locken, Butter und Milch gehören dazu. Für die Lieferanten ist das fatal, zumal sie kaum Marktmacht haben: So stehen einer Handvoll großer Ketten 100 Molkereien gegenüber, die wiederum von noch 90.000 Milchbauern beliefert werden. Was die erhalten, hängt auch mit dem Milchpreis in Neuseeland zusammen – die Verrechnungseinheit Milchpulver macht es möglich. Und das komplexe Preisstützungssystem der EU einschließlich der Exportsubventionen, drückt zusätzlich auf den Weltmarktpreis. Der bestimmt das Preisniveau, seltsamerweise auch für Bio.

 

Wenn ich ein Bioprodukt an der Kasse bezahle, habe ich mit meinen Steuern schon ein Subventionssystem bezahlt, das Biobauern benachteiligt, habe schon für die Nebenwirkungen der konventionellen Landwirtschaft bezahlt, bleche ich für die Kosten der Bio-Kontrolle inclusive der für Gentechnikvermeidung – warum eigentlich werden nicht die konventionellen Bauern kontrolliert? – und natürlich zahle ich für den Mehraufwand, den Ökobauern betreiben. Irgendwie muss der Preis auch noch die Innovationen abdecken, denn erst seit kurzem wird die Ökobranche dabei geringfügig unterstützt, die Hauptlast tragen die Landwirte und Hersteller mit ihren Verbänden. Unsere Preiswahrnehmung wird also tiefgründig verzerrt.

Was braucht nun der Bauer – damit er sein Unternehmen so führen kann, dass er reinvestieren kann? 40 bis 43 Cent, sagen die konventionellen Bauern. 21 bekommen sie zurzeit. 47 bis 60 Cent, haben Demeter-Bauern errechnet, dafür dass die Kuh Hörner tragen darf, wesensgemäß gefüttert wird, und der Landwirt seinen artgerechten Stallbau abbezahlen kann. Das ermöglicht dem Landwirt, den nächsten Liter Demeter Milch zu erzeugen. Nachhaltigkeit kann ein Kriterium für angemessene Preise sein: denn die Ausbeutung der Natur hat biologische Grenzen. Gezahlt werden zurzeit 33 bis 41 Cent.

 

Im Bewusstsein für das Ganze müssen sich vor allem Handel und Konsumenten bemühen, eine einheimische Landwirtschaft zu erhalten. Das geht nur über eine nachhaltige Preisgestaltung. Erste Initiativen dazu gibt es.