30.5.2016 : 0:57 : +0200
Schwerpunkt

Umstellung auf Demeter-Bienenhaltung

von Michael Weiler

 

Die Begegnung mit Bienen sei eins der letzten echten Abenteuer, meint Günter Friedmann, seit über 30 Jahren Berufsimker. Er kultiviert heute rund 600 Bienenvölker nach den Demeter-Richtlinien und ist seit 1995 zertifiziert – er muss es wissen.

 

Die heutige Imkerei behandelt Bienenvölker als eine Summe beweglicher Einzelteile. Die Beutensysteme folgen dem Motto „quadratisch, praktisch, gut“ – alles passt zusammen und ist beliebig austauschbar. Mit dem entsprechenden Wissen zu Materialien und Technik lässt sich Imkerei betreiben, ohne dass der Imker viel über Bienen wissen muss. Viele Arbeitsabläufe sind im Kalender rezeptartig durchdekliniert. Die Lebensäußerungen der Bienenvölker oder deren auf- und absteigender Lebenszyklus im Jahreslauf spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Motive für Demeter-Bienenhaltung

Eines der Leitbilder für die Demeter-Bienenhaltung ist, dass das Bienenvolk in allen seinen Teilen als Einheit respektiert wird. Die Kulturmaßnahmen des Imkers berücksichtigen die grundlegenden Lebensäußerungen des Organismus Bienenstock. Eine solche Bienenhaltung setzt das Interesse am Wesen des „Bien “voraus. Die Rhythmen, die den Bienenstock durchziehen, sollten dabei anfänglich bekannt sein. Die Vertiefung kommt dann mit der Zeit. Aus der Erfahrung her beurteilt ist es wohl einfacher, mit einer neuen Bienenhaltung gleich so zu beginnen, wie sie den Demeter-Richtlinien entspricht. Konflikte mit Lehrmeinungen, gelernten oder vorgestellten Gewohnheiten treten dann nicht auf und viele Entscheidungen zu den ersten Anschaffungen werden dadurch unkomplizierter.

Zertifizierung?

Warum entscheiden sich Imker dafür, ihre Bienen nach den Richtlinien für Demeter-Bienenhaltung zu pflegen? Für die Anfänger ist die in Kursen vermittelte Herangehensweise einfach plausibel, da sie sich komplett aus den Lebensäußerungen des „Bien“ herleitet. Für gestandene Imker ist das Motiv häufig, dass sie einen anderen Weg suchen, mit ihren Bienen zu arbeiten – sie wollen weg von den mechanischen Betriebsweisen. Sie suchen einen Weg, mehr mit dem Bienenleben zu gehen und die Völker weniger zu zwingen.

 

Warum lassen sich Imker auf eigene Kosten Demeter- zertifizieren? Und nehmen in Kauf, neben einer regelmäßigen Buchführung sich jährlich mit Fragebögen wie Betriebsbericht, Betriebserfassung auseinanderzusetzen? Und sich mindestens einmal jährlich von einem Kontrolleur besuchen zu lassen, der Aufzeichnungen und Imkerei inspiziert und auf Plausibilität der Angaben bzw. Umsetzung der Richtlinienvorgaben kontrolliert?

 

Wer seine Produkte als „ökologisch erzeugt“ kennzeichnen will, braucht diese jährliche Kontrolle und Zertifizierung des Betriebs nach den Vorgaben der EU-Verordnung für Öko-Landbau, der sog. „EG-Öko-Basisverordnung“ Nr. 834/2007 sowie der Verordnung Nr. 889/2008 mit Durchführungsvorschriften dazu. Beide beschreiben auch zugelassene Materialien bzw. Methoden für die Bienenhaltung, aber auch Vorschriften zu den Stellplätzen. Die Bestätigung, dass diese Vorgaben erfüllt sind, ist Voraussetzung für die noch weiter gehende Demeter-Zertifizierung, welche die Nutzung der Marke „Demeter“ erlaubt.

Typische Fragen am Anfang

Natürliches Beutenmaterial, Naturwabenbau, mit dem Schwarmtrieb arbeiten – einige der Pfeiler wesens­gemäßer Bienenhaltung.

Wer sich als Imker nach den Demeter-Richtlinien zertifizieren lassen will, steht vor einer Reihe von Fragen. Zum Beispiel die nach der Betriebsweise: Was bedeutet es für meinen Betriebsablauf, wenn ich meine ganze Vermehrung, Verjüngung, Zucht und Selektion umstelle auf die Vorgabe: „Die Vermehrung darf nur aus dem Schwarmtrieb heraus erfolgen.“ Und, wenn ich das so mache, selektiere ich dann nicht mit der Zeit Völker, die jedes Jahr nur noch schwärmen wollen? Wie schaffe ich es, dass meine Völker künftig alle ihre Waben im Brutraum als Naturbauwaben errichten? Denn die Gabe von Mittelwänden ist nur im Honigraum erlaubt. Was, wenn die Waben quergebaut werden und ich plötzlich nicht mehr alle Rahmen ziehen kann? Kann ich Draht verwenden zur Stabilisierung der Waben? Solche und weitere Fragen aus der bisher geübten Praxis und dem, was den Imkern über Imkervereine und Imkerliteratur vermittelt wurde, erscheinen berechtigt. Die Erfahrung aus mehr als 20 Jahren Imkerei nach den Richtlinien zur Demeter-Bienenhaltung zeigen aber, dass es zu jeder Frage praktikable Antworten gibt.

Mögliche Rückstandsprobleme klären

Bei einer Umstellung sollte man immer die Geschichte des Materials prüfen, mit dem bislang gearbeitet wurde. Häufig ist das Holz der Beuten und Rahmen mit Rückständen kontaminiert, aus der Varroa-Bekämpfung mit chemisch-synthetischen Varroaziden, oder aus alten Anstrichen. Vorsicht daher bei alten Beuten, die man irgendwann von einem anderen Imker übernommen hat, da hat man ggf. die Rückstände gleich mit dazu. Auch sind Rückstände im Wachs möglich von Mitteln, die man selbst nie benutzt hat. Bei einer Umstellung mit Zertifizierung werden daher immer Wachsproben und ggf. Holzproben gezogen, zumal wenn die Vorgeschichte der Beuten nicht lückenlos klar ist. Werden Belastungen gefunden, dann darf der Imker das Material nicht weiter verwenden.

Beutenmaterial

Hinsichtlich Beuten und Rahmen gibt die EU Regeln vor: „Bienenstöcke und in der Bienenhaltung verwendetes Material müssen hauptsächlich aus natürlichen Stoffen bestehen.“ Und die Durchführungsverordnung konkretisiert: „Die Beuten müssen grundsätzlich aus natürlichen Materialien bestehen, …“ Die Demeter-Richtlinie verdeutlicht das weiter: „Die Bienenwohnung – mit Ausnahme von Verbindungselementen, Dachabdeckung und Gitterboden – ist vollständig aus natürlichen Materialien wie beispielsweise Holz, Stroh oder Lehm zu fertigen.“ Konsequenterweise bedeutet das, dass Beuten aus Styropor oder ähnlichen Kunststoffen nicht in Frage kommen.

Beutensysteme

Die Trennung des Lebensraums der Honigbiene von den Räumen, in denen der Honig eingelagert wird, erleichtert dem Imker die Honig­entnahme – in manchen Systemen und Betriebsweisen wird das exzessiv ausgenutzt. Die Erfindung des Absperrgitters hat dies noch weiter getrieben. Natürlich ist auch in der Demeter-Bienenhaltung die Ernte von Honig ein wichtiges Betriebsziel – Bienenhonig ist für den Menschen eine wertvolle Substanz. Leitbild ist aber auch die Einheit des Organismus Bienenstock. Insofern ist die Forderung der Richtlinie konsequent: „Brutraum und Rähmchengröße sind daher so zu wählen, dass sich das Brutnest organisch mit den Waben ausdehnen kann, ohne von Rähmchenleisten durchtrennt zu werden.“

 

Wir empfehlen in der Demeter-Bienenhaltung kein spezielles Beutensystem. Bewährt haben sich z. B. Magazinsysteme, deren ungeteilter Brutraum 9 bis 12 Rahmen aufnimmt, in denen Wabenflächen von mindestens 1200 cm² pro Wabenseite möglich sind. Das wären z. B. Dadant-Systeme, modifizierte Zander- oder DN-Systeme oder ähnliche. Bewährt haben sich dabei einhalb- oder eindrittelhohe Flachzargen als Honigräume. Zur Vereinfachung des Beutenbaus kann die Imkerei nur noch mit Flachzargen arbeiten, davon dann je nach System zwei oder drei verwenden und darin die großen Brutraumrahmen einhängen. Zum unverzichtbaren Betriebsmittel beim einräumigen Brutraum (vgl. S. 16) mit großen Rahmen ist das Absperrschied geworden, mit dem der Imker den Raum je nach Volksstärke „portionieren“ kann. Das unterstützt die Völker auch in ihrer Entwicklung.

Schwarmvermehrung

Demeter Imker lenken den Schwarmtrieb, statt ihn zu unterdrücken
Die von Bienen selbst gebauten Waben erlebt man nur mit wesensgemäßer Bienenhaltung, die keine Mittelwände vorgibt.

Die moderne Imkerei verwendet viel Intelligenz darauf, den Schwarmtrieb zu unterdrücken, gegen die Energie zu arbeiten, die der Organismus Bienenstock – das Bienenvolk ist die ätherisch-physiologische Ebene der Wesensglieder des Bien – dabei auslebt. Man kann aber auch Bienenkultur so betreiben, dass man als Imker dieser Energie eine Richtung vorgibt, die dem Betrieb dient und dabei die Vitalkräfte der Völker sich ausleben lässt. Wenn ein Volk in Schwarmstimmung kommt, ist das ein Signal, dass es sich teilen und verjüngen will. Der Imker muss dann vorweg eine Entscheidung treffen: Jedes Volk, das in Schwarmstimmung kommt, wird dadurch Teil der „Vermehrungsfraktion“ und wird konsequent nur noch dafür eingesetzt. Alle Völker, die nicht in Schwarmstimmung kommen, bleiben Mitglied der „Honigfraktion“. Wird diese Entscheidung konsequent durchgeführt, entstehen im weiteren Betriebsablauf keine Zweifel.

 

Im Frühjahr werden also möglichst alle Völker ihrem Entwicklungsstand nach erweitert: zuerst im Brutraum durch seitliches Zuhängen leerer Rahmen, dann, wenn Volksstärke und Trachterwartung das rechtfertigen, durch die Gabe von Honigräumen: wenn der erste sich füllt, wird ein weiterer oben aufgesetzt. So werden alle Völker geführt und je nach klimatischer Lage ab Ende April/Anfang Mai regelmäßig (alle 9 Tage) auf Schwarmstimmung kontrolliert. Kommt ein Volk in Schwarmstimmung, kann der Imker entweder den Vorschwarm frei fliegen lassen und einfangen – oder, wenn das nicht möglich erscheint (Abwesenheit, entfernte Stände etc.) , kann er den Vorschwarm vorwegnehmen, simulieren. Der erste Schritt dabei ist, dass die alte Königin aus dem schwarmstimmigen Volk herausgesucht und gefangen wird. Dann werden die Bienen von gut der Hälfte der Brutwaben durch einen Trichter in einen Feglingskasten/Schwarmfangkasten abgestoßen; drei bis vier Pfund Bienen sind eine gute Menge. Danach wird die Königin frei zu diesen Bienen dazugegeben und der Feglingskasten verschlossen. Das Leitbild für den Schwarm ist der „nackte“ Schwarm. Das heißt, nur Bienen und die Kö­nigin und ein Mundvorrat an Honig, den die Schwarmbienen in ihren Honigblasen mitnehmen. Ein nackter Schwarm hat keine Waben. Dagegen entspricht ein Königin­nenableger (einige Brutwaben mit ansitzenden Bienen und der Königin werden dem schwarmstimmigen Volk entnommen und in neuem Kasten an anderem Ort aufgestellt) dem Bild des nackten Schwarms nicht.

 

Der vorweggenommene Schwarm muss sich erst „finden“ und dafür bis zu drei Tage im Keller stehen, mindestens solange, bis sich eine ruhig- und festsitzende Schwarmtraube gebildet hat. Während dieser Zeit muss der Schwarm fortlaufend mit z. B. kristallisiertem, nicht flüssigem Honig gefüttert werden – die aufgenommene Menge kann durchaus bis 500 Gramm Honig betragen. Das Restvolk (aus dem der Vorschwarm ausgezogen ist oder entnommen wurde) muss spätestens eine Woche danach weiter bearbeitet werden. Soll es zur weiteren Vermehrung genutzt werden, werden die Brutwaben mit ansitzenden Schwarmzellen und Bienen in Ableger aufgeteilt, die möglichst entfernt an einem Ablegerplatz aufgestellt werden, zur Unterstützung der Entwicklung mit einem Vorrat an Futterteig. Die Honigräume des aufgeteilten Restvolks werden ohne Bienen anderen Völkern zur weiteren Pflege bis zur Ernte aufgesetzt.

Naturwabenbau

Das Schwitzen von Wachs und der Bau der Waben ist eine elementare Lebensäußerung der Honigbienen. Die Waben werden Teil des Organismus Bienenstock. Konsequent fordern die Demeter-Richtlinien, dass die Waben im Brutraum aus Naturbau ohne Vorgabe von Mittelwänden entstehen müssen. Anfangs- oder Leitstreifen in den Brutraumrahmen aus Holz oder Bienenwachs geben die Baurichtung vor. Das Drahten der Rahmen zur Stabilisierung der Waben ist möglich. Naturschwärme oder vorweggenommene Schwärme bieten beste Voraussetzungen für schönen und ausreichenden Naturbau. Dies kann der Imker nach dem Einlogieren des Schwarms in die neue Beute durch Fütterung, am besten mit Futterteig, unterstützen. Außerdem hilft die „Portionierung“ des Brutraums mittels Absperrschied, dass der Schwarm seinen Bautrieb in den ersten 10 bis 14 Tagen nach dem Einlogieren dazu einsetzt, die vorgegebenen 5 bis 6 großen Brutraumrahmen möglichst vollständig mit Arbeiterinnenbau auszubauen. Erst später kann das neue Volk dann mit weiteren Leerrahmen erweitert werden.

Ergänzungsfütterung

Alle Rohstoffe und Zutaten für die Ergänzungsfütterung müssen aus ökologischer Erzeugung stammen. Das ist Zucker aus ökologischem Anbau, Honig aus der eigenen Imkerei, Kamillenblütentee und eine Prise Salz – mehr braucht es eigentlich nicht.

Anspruchsvolle Imkerei mit Zukunft und Erlebnisfreude

Die Imkerei nach den Richtlinien zur Demeter-Bienenhaltung ist anspruchsvoll und eine Herausforderung. Noch vor zwanzig Jahren hieß es, ökonomisch ginge eine solche Imkerei nicht. Die Praxis zeigt anderes: Auch die Schwarmstimmung in den Imkereien ist nicht auf 100% gestiegen, eher im Gegenteil. Für jeden Imker, der eine andere Beziehung zu seinen Bienen sucht, ist Demeter-Bienenhaltung ein realisierbarer Weg. Ob man sich zertifizieren lassen will, hängt von der betrieblichen und ideellen Situation ab. Gründe dafür können sein, dass der Imker die Demeter-Marke für seine Vermarktung nutzen will – oder aber, der Imker arbeitet so und will das auch ausloben dürfen – oder er will einfach „dazugehören“. Demeter-Imker haben in der Imkerei in den letzten zwanzig Jahren viel bewegt. Die Arbeit der Bundesfachgruppe Demeter-Imkerei nach innen und außen hat eine hohe Qualität. Die Arbeit mit den Bienen bleibt ein Abenteuer – aber es wird persönlicher!

Checkliste Umstellung

  • Standortsituation
  • Material der Beuten, Rückstandsfragen
  • System der Beuten, Brutraum- und Rahmengröße
  • Betriebsweise
  • Vermehrung, Verjüngung, Zucht und Selektion
  • Wachs und Wabenbau, Rückstandsfragen
  • Ergänzungsfütterung
  • Bienengesundheit – Varroaregulierung
  • erlaubte/verbotene Substanzen

Demeter Umstellung und Zertifizierung

  • Kontaktaufnahme zum Imkerberater: Imkerberatung(at)Demeter.de, in Bayern Bienenberatung(at)Demeter-Bayern.de
  • Antrag auf Mitgliedschaft im zuständigen Demeter-Landesverband – Kontaktdaten siehe Umschlagseite 3
  • Beauftragung einer Kontrollinstitution für Ökologischen Landbau zur Erstkontrolle der Imkerei, nach Empfehlung des jeweiligen Landesverbandes;
  • mit der Erstkontrolle beginnt das sogenannt „Nulljahr“ für die Imkerei – das heißt, alle relevanten Bedingungen aus der Richtlinie für Material und Methoden müssen erfüllt werden, es dürfen keine nicht erlaubten Mittel mehr zum Einsatz kommen;
  • Wachsprobe und ggf. eine Holzprobe i. R. d. Erstkontrolle: werden Rückstände gefunden, muss vor einer Anerkennung das gesamte Wachs im Betrieb ausgetauscht werden;
  • Erzeugnisse aus dem Nulljahr dürfen noch nicht mit Hinweis auf ökologische Erzeugung vermarktet werden;
  • soweit erforderlich, muss damit begonnen werden, die Beutensysteme auf die Anforderung der Demeter-Richtlinie umzustellen (ungeteilter Brutraum mit entsprechender Rahmengröße);
  • über Schwarmvermehrung sollten im ersten Jahr mindestens ein Drittel der Völker im Brutraum auf Naturbau umgestellt werden;
  • bei rückstandsfreiem Material erfolgt nach dem Nulljahr die erste Zertifizierung im Status „Demeter-Bienenhaltung in Umstellung“;
  • erst, wenn alle Völker in ungeteilten Bruträumen auf Naturbauwaben leben und wenn alle Honigraumwaben entweder auf Naturbau oder auf Waben auf Mittelwänden aus Demeter-Wachs umgestellt sind, erfolgt die Zertifizierung im Status „Demeter-Bienenhaltung“;
  • der Umstellungsprozess sollte nach drei Jahren abgeschlossen sein.

Michael Weiler

ist seit mehr als dreißig Jahren Imker und berät bundesweit zur Demeter-Bienenhaltung

Imkerberatung(at)demeter.de, 07223-951 77 74, www.der-Bienenfreund.de