Feld & Stall
Futterlaub aus Agroforst

Erfahrungen zu Futterqualität, Konservierung, Weide
Autor: Janos Wack
Triebwerk – Regenerative Land- und Agroforstwirtschaft, 37290 Meißner
www.triebwerk-landwirtschaft.de
Die Kombination aus Gehölznutzung und landwirtschaftlicher Nutztierhaltung hat eine lange Tradition. Sie war bis ins 19. Jahrhundert auch in Deutschland verbreitet. Durch die Reorganisation der Forst- und Landwirtschaft erlebten entsprechende Gehölze allerdings einen Bedeutungsverlust. Zurzeit gibt es ein erneutes Interesse an dieser Art von Weide- und Futterbausystemen, da die Etablierung von Gehölzen auf Weide- und Ackerflächen erhebliche Vorteile bieten kann. Neben dem Schutz von Klima, Boden und Wasser können Agroforstsysteme auch die Biodiversität positiv beeinflussen. Für Weidetiere bieten Gehölze zudem nicht nur Beschäftigungsmaterial, sondern auch Schutz vor Sonne, Wind und Regen. Das reduziert den Hitzestress, welcher relevant für Tierwohl und Leistung sein kann. Die Bereitstellung von Laub als zusätzliche Futterquelle ist eine weitere Chance, da es als relativ hochwertige Futterquelle für Wiederkäuer beschrieben wird und durch sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe vor Parasiten schützen kann (z.B. Walnusslaub). Die Veränderung des Mikroklimas kann zudem umliegende Acker- und Grünlandbestände positiv beeinflussen. Erfreulicherweise wird daher die Agrarförderstruktur für Agroforstsysteme seit Anfang 2023 schrittweise optimiert.

Forschungsprojekt FuLaWi
Auf dieser Basis wird das von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) geförderte Projekt FuLaWi („Nutzungs- und Konservierungsverfahren für Futterlaub aus Agroforstsystemen zur Verbesserung der Nährstoffversorgung und Reduktion von Methanemissionen bei kleinen Wiederkäuern“) von einem multidisziplinären Konsortium aus Wissenschaft, Praxis und Beratung durchgeführt, von den vier Akteuren Universität Göttingen, Forschungsinstitut für Nutztierbiologie, Lignovis und Triebwerk. Ziel ist eine ganzjährige, artgerechte Ernährung kleiner Wiederkäuer, um die Verdaulichkeit und Mineralstoffversorgung in Zeiten des Klimawandels zu verbessern. Dafür werden Bewirtschaftungs- und Konservierungsverfahren praxisnah entwickelt, um die Laubnutzung zu Fütterungszwecken nachhaltig zu gestalten. Pappeln und Weiden stehen dabei aufgrund ihrer Wuchseigenschaften, ihres hohen Biomasseertrags und attraktivem Inhaltsstoffprofils im Fokus.
Futterqualitäten von Laub
Allerdings ist das Wissen über die Zusammensetzung verschiedener Laubarten sehr begrenzt und die vorhandenen Daten streuen sehr stark. Daher wurde die Qualität von Laub zehn häufig vorkommender Baumarten (Weide, Schwarzpappel, Balsampappel, Buche, Esche, Feldahorn, Spitzahorn, Erle, Linde und Espe) analysiert (Tabelle 1). Selbst relativ spät im Sommer geerntetes Laub (August bis September) hatte erstaunlich hohe Nährstoffgehalte. Das Laub von Weide und Schwarzerle wies z.B. Rohproteingehalte von mehr als 19 % der Trockensubstanz auf. Das ist vergleichbar mit dem von Luzerne oder Klee. Auch die Fasergehalte vieler Laubarten waren vergleichbar mit denen kleinkörniger Leguminosen. Schwarz- und Balsampappel hatten moderate bis hohe Rohproteingehalte, Balsampappel einen geringeren Fasergehalt, was (höchstwahrscheinlich) zu einer höheren Verdaulichkeit führen könnte.
Die Blätter von Pappeln und Weiden enthalten neben viel Rohprotein auch relevante Mineralstoffmengen wie beispielsweise Calcium und Selen. Daher wurde untersucht, ob eine Ergänzungsfütterung mit Pappel- und Weidenlaub die Versorgung kleiner Wiederkäuer verbessert. Ostfriesische Milchschafe nahmen Weidenlaub sehr gut an, fraßen getrocknetes Laub von Schwarzpappel-Balsampappel-Hybriden allerdings überhaupt nicht. Schwarz- und Zitterpappel wurden nur in sehr geringen Mengen aufgenommen. Für Weiße Deutsche Edelziegen erwiesen sich Pappelblätter als eine gute Rohproteinquelle. Bei einem Blattanteil von 38 % in der Gesamtration kann jedoch insbesondere Schwarzpappel durch ihren hohen Rohproteingehalt zu einer Überversorgung führen. Je nach Mengenverfügbarkeit sollte demnach eine Rationsberechnung durchgeführt werden.
Bei laktierenden Ziegen stieg der Anteil der Laubaufnahme an der Gesamttrockenmasse von 19 % in der ersten auf 30 % in der dritten Woche nach der Geburt. Die Ergänzung mit Schwarzpappellaub ab der zweiten Laktationswoche führte zu einer signifikant höheren Calciumaufnahme im Vergleich zur reinen Heufütterung.
Unterschiede bei Calcium-, Glucose- und Harnstoffkonzentrationen im Blut zeigten sich allerdings nicht. In der ersten Woche gab es Hinweise auf einen höheren Knochenabbau als Kompensation der fehlenden Calciumversorgung. Insgesamt beeinflusste die Fütterung von Schwarzpappel-Laub die Energie- und Calciumstoffwechsellage in der Frühlaktation weder positiv noch negativ.
In einem ergänzenden Fütterungsversuch wurden Coburger Fuchs Hammel drei Wochen lang mit Heu oder mit Heu und getrockneten Blättern von Schwarzpappel, Zitterpappel oder Korbweide gefüttert. Die Blätter wurden im August 2023 geerntet und mit Biogas-Abwärme getrocknet. Die Trockenmasseaufnahme der Tiere lag bei 0,97 – 1,04 kg pro Tag. Der Blattanteil betrug 39 – 40 % der Ration. Erfasst wurden Futter- und Wasseraufnahme, Kot- und Urinausscheidung sowie Methanemissionen. Mit Schwarz-
pappel gefütterte Tiere zeigten eine 25 % höhere Selenverdaulichkeit als Tiere mit Weide-, Zitterpappelblättern oder Heu. Die Calciumverdaulichkeit der Schwarzpappelblätter war mit der von Heu vergleichbar und etwa doppelt so hoch wie bei Zitterpappel und Weide. Die Verdaulichkeit der organischen Masse war bei Zitterpappel deutlich verringert, unterschied sich jedoch zwischen Heu, Weide- und Schwarzpappel kaum. Die Rohproteinverdaulichkeit war mit Schwarzpappel höher als mit Heu, wurde jedoch durch Weiden- oder Zitterpappelblätter stark reduziert. Die Methanemissionen der Tiere konnten im Schnitt um 15 % gesenkt werden, was eine direkte Klimaschutzleistung ist.
Laubkonservierung – wie?
Das Konservieren von Laub ermöglicht eine ganzjährige Fütterung und somit auch die genannten möglichen Vorteile. Dafür wurden zehn Laubarten im Labormaßstab für 13 Wochen siliert. Getestet wurden vier verschiedene Siliervarianten:
- Kontrolle ohne Zusatz
- Chemisches Siliermittel (Mischung aus Natriumbenzoat und Natriumpropionat)
- Zuckerrübenmelasse
- Zuckerrübenmelasse plus homo-fermentative Milchsäurebakterien
Die Eignung der Laubarten für ein erfolgreiches Silieren war sehr unterschiedlich. Zusatzstoffe wie Melasse verbesserten die Gärqualität bei fast allen Laubarten durch einen reduzierten Proteinabbau und insgesamt stabilere Silagen. Bei Balsampappellaub führte allerdings keine Behandlung zu einer langfristigen Absenkung des pH-Wertes, auch wenn Zuckergehalt und scheinbare Verdaulichkeit hoch waren. Weidenlaub zeigte dagegen trotz geringerer Zuckergehalte sehr gute Ergebnisse. Mit Melasse und Milchsäurebakterien sank der pH-Wert auf etwa 4,5. Diese Werte liegen im Zielbereich von Gras- oder Maissilage. Schwarzpappellaub lag im Mittelfeld, reagierte aber positiv auf Zusatzstoffe und hatte insgesamt eine solide Silagequalität.
In einem weiteren Versuch wurden Weide, Schwarzpappel und Balsampappel mit und ohne Zweiganteil an drei unterschiedlichen Zeitpunkten (Mitte Juni, Anfang August, Anfang Oktober) geerntet und einsiliert. Die Erntezeit ist entscheidend für die Qualität der Futtermittel. Der erste Eindruck der Silagen war positiv. Eine frühe Ernte führte zu höherem Nährstoff- und Energiegehalt der Blätter. Gleichzeitig war der Anteil an Stängeln und Trieben deutlich geringer. Mit zunehmender Jahreszeit steigt zudem der Tanningehalt. Dieser schützt die Pflanzen vor Insekten, wirkt auch im Tier antiparasitär und kann allerdings auch die Nährstoffverdaulichkeit negativ beeinflussen.
Demonstrationsflächen zur Gehölzweide: erste Erfahrungen
Neben den Laborversuchen wurden auf neun sehr unterschiedlichen landwirtschaftlichen Betrieben insgesamt auf 52 ha Demonstrationsflächen mit durchschnittlich etwa 10 % Gehölzflächenanteil angelegt. Die Agroforstsysteme unterscheiden sich hinsichtlich Flächengröße (1 bis 17 ha mit Gehölzflächen von 0,2 bis 1 ha), Standorteigenschaften, Zertifizierung, Tierart, Herdengröße (30 bis 480), Produktionsziel und Flächenstatus (Dauergrünland und Acker). Dort wurden insgesamt etwa 19.000 Gehölze auf 51 ha etabliert, was 10 verschiedene Pappel- und 6 Weidenzüchtungen sowie 10 weitere vielversprechende Gehölzarten (900 Stück, z.B. Maulbeere, Holunder, Hasel) umfasst. Es wurden eng stehende Gehölze als Futterlaubhecke sowie Kopfbäume in weiteren Abständen gepflanzt. Die Kombination mit einer Stammholzproduktion sowie die Koppelnutzung von Energieholz wird dabei ebenfalls getestet. Daher entwickeln die Betriebe individuell angepasste Bewirtschaftungsverfahren.
Durch die Vielfalt der Betriebe wird ein breites Erfahrungswissen gewonnen, welches durch mehrfach durchgeführte Interviews dokumentiert und ausgewertet wird, was bisher ein sehr einheitliches Bild ergibt. Die Ziele sind eine Optimierung von Tierwohl, Futtergrundlage und Wasserhaushalt. Erste Tierbeobachtungen zeigen deutlich, dass der Schattenbereich der Gehölze in warmen Sommertagen häufig der bevorzugte Aufenthaltsort ist. Die Sträucher und Bäume werden zudem durch die Tiere gezielt beweidet, bis keine Blätter mehr erreichbar sind. Ziegen schälen die Stämme und Äste deutlich früher und intensiver als Schafe. Manche Herden bevorzugten zwar die Weidenblätter, eine einheitliche Bevorzugung wurde im Freiland bisher aber nicht festgestellt. Alle Gehölze wurden angenommen und fast alle Blätter abgefressen.

Die Technik: Etablieren von Futterlaubsystemen
Das Etablieren der Futterlaubsysteme erfolgte mit bewährtem Pflanzgut, Maschinen und Methoden. Die 90 cm langen, unbewurzelten Pflanzruten wurden mit einer Spezialmaschine ca. 60 cm tief in den vorbereiteten Boden gesetzt und leicht rückverdichtet. Auch bewurzeltes Pflanzgut konnte so gepflanzt werden. Die Pflanzung wurde auf allen Betrieben innerhalb eines Tages abgeschlossen. Kleinere Systeme mit wenigen hundert Bäumen können auch in Eigenleistung mit einem Tiefenmeißel oder Erdbohrer gepflanzt werden. Auf einigen Betrieben wurden die Neupflanzungen gegen den frühzeitigen Verbiss durch Weide- oder Wildtiere mit mobilen Elektrozäunen geschützt. Danach wurde bis in den Spätsommer hinein das Beikraut im Nahbereich der Bäume entfernt. Die Anwuchsraten lagen dank guter Pflege und einem feuchten Frühjahr in 2024 bei 90 %. Die Zuwachsraten hängen stark von Pflanzzeitpunkt, Sortenwahl und Standorteigenschaften ab. So wurden im ersten Jahr Triebhöhen von 1 bis 3 m und im zweiten Jahr Wuchshöhen von bis zu 5 m gemessen. Im zweiten Standjahr wurden die Futterhecken im Frühsommer das erste Mal direkt beweidet. Danach erfolgte ein Rückschnitt, so dass junge Triebe vital austrieben und für das Beweiden weiter zugänglich waren. Bei den Kopfbäumen erfolgte der erste Erziehungsschnitt, nachdem der Baum sicher etabliert war.
Erste Untersuchungen im Projekt weisen darauf hin, dass eine eng gepflanzte Anlage bestehend aus Pappeln 2 bis zu 5,5 t und aus Weiden etwa 1 t Blatt-Trockenmasse pro Hektar Gehölzfläche und Jahr produzieren kann. Der Blattanteil vom Erntegut liegt zwischen 25 % und 50 %. Bei den Weiden wird ersten Beobachtungen folgend zusätzlich ein höherer Anteil von Trieben und Rinden aufgenommen. Erste maschinelle Ernten erreichten eine Ernteleistung von 110 bis 650 t Blatttrockenmasse pro Stunde. Die Kosten für verschiedene Systeme können in Abhängigkeit von Pflanzdesign, Pflanzverfahren, Pflanzguteigenschaften eingesetzten Maschinen, Pflegeaufwand und Umfang der Eigenleistungen pro Hektar Gehölzfläche zwischen 7000 und 9000 € liegen. Je nach Gehölzflächenanteil können damit Agroforstsysteme auf 10 ha Gesamtfläche etabliert werden. Dabei werden unter anderem der Einsatz einer Pflanzmaschine, maschinelles und manuelles Hacken und ein mobiler Elektrozaun inkl. Aufbau berücksichtigt. Die Nutzung kann durch Beweidung oder auch Ernte erfolgen. Allerdings fehlt dafür bisher die passende Technik
Zusammenfassung
Laub als Futtermittel ist hinsichtlich der Inhaltsstoffe, Konservierungseignung, tierbezogener Effekte sowie Wuchs- und Nutzungseigenschaften differenziert zu betrachten. Je nach Tierart, Gehölzart, Sorte, Standort und Anbausystem entstehen unterschiedliche Wechselwirkungen. Daher besteht hier weiterer Forschungsbedarf, sowie die Notwendigkeit, betriebsindividuelle Anbau- und Nutzungskonzepte zu entwickeln.
Futterlaub aus Agroforstsystemen ermöglicht eine artgerechte Fütterung kleiner Wiederkäuer, verbessert die Mineralstoffversorgung und leistet umfangreichen Klimaschutz. Von Seiten der Praxis besteht an dieser Landnutzungsform Interesse und die Tiere nehmen das Laub in den meisten Fällen gut an. Für eine hohe Futterqualität ist der Erntezeitpunkt entscheidend: Je früher geerntet wird, desto höher ist der Nährstoff- und Energiegehalt und desto geringer der Anteil an Stängeln und Trieben. Allerdings kann die Futterqualität auch im Spätsommer noch sehr gut sein. Schwarzpappel liefert wertvolle Nährstoffe wie Selen, steigert die Rohproteinverwertung und wird akzeptabel gefressen, kann bei Ziegen jedoch zu einer Überversorgung mit Rohprotein führen. Bisher zeigt sich, dass Weidenblätter gern gefressen werden, was die Nährstoffverdaulichkeit aber einschränken kann. Sie eignen sich zur Silierung und bieten ein hohes Konservierungspotenzial.
Zur Projekt-Webseite: www.futterlaub.de
Quellen und Referenzen
- Rahmann, G. (2005). "Gehölzfutter – eine neue Quelle für die ökologische Tierernährung." Landbauforschung Völkenrode Sonderheft 272.
- Gruber Tabelle zur Fütterung der Milchkühe, Zuchtrinder, Schafe, Ziegen. 48. veränderte Auflage/Stand 2023. LfL-Information.