Feld & Stall (1)
TIER, WAS FEHLT DIR?

Über die Notwendigkeit einer Vertragserneuerung zwischen Mensch und Tier
Die Frage, ob und wie man Tiere halten darf, ob man sie nutzen darf, ob man sie töten darf, ob man sie essen darf, wird in den westlichen Gesellschaften gegenwärtig mit immer größerem Nachdruck gestellt und gleichzeitig von verschiedenen Seiten heftig verteidigt. Wir führen eine zunehmend scharfe gesellschaftliche Diskussion um das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren, in die sich, richtigerweise, die Themen Nachhaltigkeit, Klimaerwärmung und globale Gerechtigkeit mischen.
Es ist eine wichtige Diskussion und darüber, dass hier ethische Fragen aus der Gesellschaft, vor allem aus den jüngeren Generationen, an die Landwirtschaft gerichtet werden, können wir uns freuen. Wenn sich unsere Gesellschaft selbst fragt, ob das, was wir tun und was wir konsumieren noch gut und richtig ist, gibt es Hoffnung auf unsere Zukunft.
Was aber fehlt, ist die Frage nach der Kultur in der Verbindung zwischen Mensch und Tier, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Was auch weitgehend fehlt, ist die Frage nach den Tieren selbst: Wen, welche Wesen, halten, nutzen, schützen und diskutieren wir denn da eigentlich? Dieser Essay ist eine Suche nach der Beziehung zwischen uns und den Haustieren.
Das Zusammenkommen

Ich gehe davon aus, dass die Domestizierung der Tiere ein Entwicklungsprozess war, der von beiden Seiten ausging: Vom Menschen und von der jeweiligen Tierart, die sich im gemeinsam bewohnten Raum einander annäherten, woraus sich Lebensformen entwickelten, in denen das Wildtier zum Haustier werden konnte. Dies ist für die verschiedenen Tierarten unter unterschiedlichen Bedingungen und sicher auch mehrfach abgelaufen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welchen gegenseitigen Nutzen diese gemeinsamen Lebensformen für alle Beteiligten hatten, weshalb die Domestizierung auch in einer ökonomischen Sichtweise einfach zu erklären ist. Wenn man aber auf die Veränderungen schaut, welche die Haustierentstehung für die jeweiligen Tierarten mit sich brachte, wird deutlich, dass es um viel mehr geht als um „Ökonomie“. Es geht um die gemeinsame Entwicklung von etwas vollständig Neuem, nicht dagewesenen, um eine Evolution der Bildsamkeit.
Für die Säugetierarten, die sich in die Gesellschaft des Menschen eingefügt haben, ist deutlich, wie jugendlich ihre Morphologie – Gesichtsschädel, Gliedmaßen, Fellfarben – im Vergleich zu ihren wilden Artgenossen geworden ist. Ein Beispiel: In einem langjährigen Domestizierungsexperiment wurden seit 1959 in Novosibirsk wilde, zur Fellproduktion in Gefangenschaft gehaltene Silberfüchse auf Zahmheit selektiert und entwickelten innerhalb weniger Generationen die erwähnten morphologischen Merkmale der Jugendlichkeit, begleitet von entsprechenden Verhaltensweisen, die sich bis ins Hormonelle und in die entsprechende Expression von Genen widerspiegelten. Was das Experiment mit den Silberfüchsen in die Gegenwart geholt hat und uns zeigt, ist das Potential oder die Bereitschaft von Tierarten, sich schnell und vollständig auf ein Zusammenleben mit dem Menschen einzulassen, dabei in der Jugendlichkeit zu bleiben und auf die vollständige Ausprägung der adulten Merkmale zu verzichten. Diese sogenannte „Neotenie“ charakterisiert eigentlich den Entwicklungsunterschied zwischen Tier und Mensch. Sie ermöglicht Bildsamkeit, und das ist das Abenteuer, auf das sich das Tier in der Obhut des Menschen einlässt: „Zähme mich!“ sagt der Fuchs zum Kleinen Prinzen und verpflichtet ihn damit auf den gemeinsamen Bund. Meint er „Bilde mich“?
Über Jahrtausende haben Mensch und Tier eine gemeinsame Kultur gebildet, in der aus den Wildformen die verschiedensten Rassen entstanden sind, angepasst an landschaftliche Gegebenheiten und menschliche Kulturen. Ich will diese Vergangenheit keineswegs romantisieren oder verklären. Aber ich will deutlich darauf hinweisen, dass über die längste Zeit der historischen Haustierhaltung Mensch und Tier buchstäblich gemeinsame Häuser bewohnt und – in ungleichen Rollen – miteinander gearbeitet und eine Kultur gebildet haben. Was sich in dieser Zeit im Tier herausgebildet hat, welche Eigenschaften entstanden sind, die neu und nicht aus der natürlichen Evolution heraus gegeben waren, ist vor allem für Geflügel, Schweine und Wiederkäuer viel zu wenig angeschaut, beschrieben und beachtet worden. Was haben das Jahrtausende andauernde Zusammensein mit dem Menschen und die Neotenie, die Bildsamkeit, eigentlich im Tier bewirkt? Was hat sich gebildet? Ich frage damit vor allem nach den seelischen Veränderungen, die sich am meisten in den Verhaltensweisen zeigen. Die Frage bleibt offen, und ist eine unbedingt wichtige Aufgabe für biologisch-dynamische Forschung.
Die Trennung


In den vergangenen 150 Jahren wurde dann das Potential der Bildsamkeit einseitig ausgeschöpft. Durch die Errungenschaften der Vererbungsforschung und Genetik konnte die Formbarkeit der Haustiere immer stärker in die Enge der Leistungseigenschaften geführt werden, vorangetrieben durch die drei wesentlichen Schritte Zuchtwertschätzung, künstliche Besamung und Hybridzucht. Aus der Breite der Möglichkeiten wurde die totale Engführung in Produktionseigenschaften wie Milchleistung, Legeleistung und Fleischwachstum. Am Beispiel des Mastgeflügels sehen wir ein Tier, das, bevor es geschlechtsreif würde, bereits nicht mehr laufen kann, und auch nicht mehr laufen muss, weil es den ihm zugewiesenen einzigen Zweck, essbares Fleisch zu werden, bereits erreicht hat.
Nicht nur die Entwicklungsmöglichkeiten haben wir dem Haustier durch diese Engführung wieder genommen, auch das Ausleben seiner evolutionären Verhaltensweisen im Sozialen, bei der Futterwahl und in seinen Bewegungsmöglichkeiten haben wir maximal eingeschränkt. Und schließlich haben wir uns selbst von diesem Nutztier wieder zurückgezogen, indem wir die Vorgänge seiner Fütterung, Haltung, und auch die Schlachtung maximal automatisiert haben. Damit ist das Tier in der Landwirtschaft vom Wegbegleiter des Menschen zum Gegenstand, zum Objekt wirtschaftlicher Prozesse geworden.
Das sind Tatsachen. Aber haben sie irgendetwas mit dem biologisch-dynamischen Landbau zu tun? Ja. Denn erstens sind es Tatsachen unserer Zeitgenossenschaft, in der wir leben und wirken. Und zweitens reichen diese Entwicklungen auch in den biologischen und biodynamischen Landbau hinein, denn auch hier wird auf sehr viel höheren Leistungsniveaus produziert als über lange Zeiträume der Geschichte und dabei auf Genotypen gesetzt, die das können. Auch im Biolandbau wird automatisiert, auch im biodynamischen ist der Umgang mit dem Tier ein anderer geworden, die Herden wesentlich größer, das Licht für die Legehennen programmierter.
Unsere neue bewusste Haltung


Die Distanz, die wir durch die Industrialisierung und Kapitalisierung der Landwirtschaft zu den Haustieren entwickelt haben, ist ein Aspekt eines neuen Bewusstseins, mit dem wir der Welt gegenüberstehen. Wir können heute alles wissen und begreifen, und leiden gleichzeitig darunter, zu allem die seelische Nähe verloren zu haben. So stehen wir der Erde und damit auch den Tieren plötzlich wie Fremde gegenüber und müssen unser Verhältnis zu ihnen neu fassen. Wir müssen uns ihnen neu zuwenden. Dafür möchte ich zwei große Menschen des 20. Jahrhunderts zitieren, die sehr klar beschrieben haben, worum es geht, Rosa Luxemburg und Joseph Beuys.
Im Dezember 1917, mitten im ersten Weltkrieg formuliert Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis in Breslau in einem Brief an Sonia Liebknecht ihr Mitleid mit zwei vor einen Karren gespannten Ochsen die, Kriegsbeute aus Rumänien, von zwei Soldaten heftig geschlagen werden.
„Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, dass die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, dass die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! ... Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eins blutete ... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still und erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll ... ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien saftigen grünen Weiden Rumäniens!“ (Luxemburg, 1917)
Zwei Dinge teilt Rosa Luxemburg hier in wenigen Sätzen mit, die mich als Menschen des 21. Jahrhunderts berühren: Ihre Wahrnehmung und Anerkennung des Leidens einer nicht menschlichen Kreatur inmitten des unendlichen menschlichen Leides, auch ihres eigenen, das zu ihrer Zeit in Europa herrscht. Ihr tiefes Mitleid mit diesen Tieren und in diesem Mitleid die Erfahrung einer Geschwisterlichkeit, eines unmittelbaren realen Verbundenseins. In der Situation des Krieges öffnet sie ihre äußeren und inneren Augen gegenüber dem Leid der Tiere, die vor ihr stehen, und leidet mit ihnen. Es ist das konkrete Mitleid mit dem, was wir sehen, was wir miterleben können. Die Szene hat damit fast etwas Tröstliches, denn sie lässt reale Geschwisterlichkeit im Mitleid zu.
Auf das Mitleid mit den Naturreichen hat auch Joseph Beuys in einem Gespräch 1984 eindringlich hingewiesen und es geradezu zur Aufgabe des bewussten modernen Menschen erklärt: „wenn der Wind durch die Kronen geht, dann geht zu gleicher Zeit durch die Kronen, was die leidenden Menschen an Substanz auf die Erde gebracht haben. Das heisst, die Bäume nehmen das längst wahr. Und sie sind auch schon im Zustand des Leidens. Sie sind entrechtet. … Tiere, Bäume, alles ist entrechtet. Ich möchte diese Bäume und diese Tiere rechtsfähig machen. Das ist selbstverständlich eine Pflicht des Menschen. Wenn er seine Aufgaben hier auf der Welt im Sinne des wirklichen Christentums, der wirklich christlichen Substanz, also des Sakramentes, das durch die Baumwipfel weht, wahrnimmt, dann muss er sich entsprechend verhalten.“ (Mennekes, 1989)
Das Leiden und das Tun nennt Joseph Beuys als zwei Aspekte eines modernen Christentums, und diese sehe ich als zwei Wege, auf denen wir uns den Tieren in der Landwirtschaft neu und bewusst zuwenden müssen: Erstens uns den Tieren, die in der Massentierhaltung größte menschliche Verachtung erfahren, mit Mitleid innerlich zuzuwenden. Das ist eine meditative Übung. Zweitens, natürlich, im konkreten eigenen landwirtschaftlichen Gestalten, den Haustieren das Bestmögliche zu geben. Dazu gehört aber die Frage, mit der wir uns an die Tiere wenden können: Was fehlt Euch? Was braucht Ihr von uns? Das ist eine spirituelle Frage, die wir stellen müssen, wenn wir den Faden nicht verlieren wollen in unserem Verhältnis zur Welt. Ich bin recht sicher, ein Teil der Antwort lautet: Wir brauchen Eure Präsenz.
Und schließlich ist es glaube ich an der Zeit, einen neuen Vertrag mit den Tieren über unser Zusammenschaffen zu schließen. Diesen können nur wir formulieren, aber er hängt an der ernsthaft gestellten Frage und unserer Bemühung, die Antwort bei den Tieren, mit denen wir umgehen, mitfühlen und über die wir nachdenken, zu finden.
Solange wir auf der Suche sind nach diesem Vertrag mit den Tieren, könnten wir einen solchen nach außen bereits schaffen, in Richtung der Gesellschaft, der Kund:innen, der Öffentlichkeit. Wir könnten uns der kapitalistischen Verdinglichung der Tiere mit einer klaren Haltung entgegenstellen und diese auch benennen. Dafür schlage ich ein paar Formulierungen vor, die man so oder ganz anders als eine Selbstverpflichtung für den eigenen Betrieb sichtbar machen könnte. Es wäre meiner Überzeugung nach ein wirksamer Schritt.•
Referenzen
- S. Budiansky, 1992. The covenant of the wild. Yale University Press.
- L.A. Dugatkin, 2018. The silver fox experiment. Evolution: Education and Outreach 11, 16.
- V. Lund et al., 2004. The ethical contract. J. Agricult. Environ. Ethics 17: 23–49, 2004.
- R. Luxemburg, 1917. Brief aus dem Gefängnis. Breslau, Dezember 1917.
- F. Mennekes, 1989. Beuys zu Christus. Verlag Katholisches Bibelwerk.
- J. Verhulst, 1999. Der Erstgeborene. Verlag Freies Geistesleben.
Ein „Vertragsentwurf“

- Landwirtschaft ist ein durch den Menschen (um-)gestalteter Organismus, der auf der Symbiose aller Reiche beruht, wie die Natur selbst. Die Landwirtschaft ist dabei primär geleitet vom Interesse des Menschen, aber nicht allein im ökonomischen Sinn.
- Wir erkennen die Haustiere als empfindende Lebewesen an, welche ihrem Wesen entsprechende emotionale Intentionen haben.
- Wir gehen auf unserem Betrieb mit diesen Lebewesen eine Zusammenarbeit ein, die gelenkt ist vom Menschen, aber im Sinne einer Symbiose allen Beteiligten zum Vorteil gereichen muss.
- Landwirtschaft schränkt fast unausweichlich die Möglichkeiten der Tiere ein, ihren eigenen wesensgemäßen Intentionen zu folgen. Wir sind uns dieses Problems bewusst und arbeiten aktiv an der Frage, durch was den Tieren dieser Verlust ersetzt werden kann und muss, und wodurch die Grenzen dieser Einschränkungen festzulegen sind.
- Aus der mitfühlenden und emphatischen Gestaltung ihres Lebens, erwerben wir die Verantwortung über den Tod der Tiere, und nur aus dieser Verantwortung heraus ist Schlachtung gerechtfertigt und entsprechend zu gestalten.
- Rein ökonomische Herausforderungen dürfen nicht durch Maßnahmen zur Leistungssteigerung der Tiere adressiert werden.
- Das Tier ist unser Mitlebewesen und kein Betriebsmittel.