Feld & Stall
ÖKOZÜCHTUNG ALS HERZSTÜCK DES KONSEQUENTEN BIOLANDBAUS – WELTWEIT
Wie eine Indienreise die Idee zur „Organic Seed Alliance“ begründete
Eine Reise nach Indien, die uns von den südlichen Regionen bis hoch in den Nordosten nach Assam und Dehradun im Norden führte, und Kontakte mit Vertreterinnen des Biolandbaus anderer asiatischer Länder, haben uns eindringlich vor Augen geführt, wie dringend eine starke, unabhängige ökologische Saatgutarbeit weltweit ist. Sie hat auch den Anstoß gegeben, eine neue Allianz aufzubauen, die sich dieser Herausforderung stellt.

Der Biolandbau steht weltweit an einem Scheideweg. Während die positiven Auswirkungen des Ökolandbaus – auf die bedrohte Biodiversität, die Reduktion klimaschädlicher Gase und als Beitrag zur Energiewende – immer wichtiger werden und die Nachfrage nach ökologisch erzeugten Lebensmitteln stetig wächst, sehen wir uns global mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Insbesondere die Neue Gentechnik (NGT) und ihre gentechnischen Verfahren wie das Gen-Editing versprechen vermeintlich schnelle Lösungen für komplexe landwirtschaftliche Probleme. Doch ist uns längst bewusst, dass NGT erhebliche Risiken birgt: für die biologische Vielfalt, die Gesundheit von Mensch und Umwelt und nicht zuletzt für die Saatgutsouveränität der Bäuerinnen und Bauern.
Indien: Ein Land der Kontraste
Indien ist ein Land der Kontraste, in dem sich atemberaubende Schönheit und tiefe Spiritualität mit den harten Realitäten einer sich rasant entwickelnden Gesellschaft mischen. Es ist auch ein Land, in dem die Landwirtschaft mit 16,6 % des BIP und 43,5 % der Erwerbstätigen eine immense Rolle spielt (Stand 2022/2023). Doch diese essenzielle Grundlage ist bedroht. Der Klimawandel führt zu unberechenbaren Monsunregen, Dürren und Überschwemmungen, was den Bäuerinnen und Bauern massiv zusetzt1. Der Rückgang des Grundwasserspiegels und die Degradation der Böden verschärfen die Situation zusätzlich2.
Wachstum, Herausforderungen und Potenzial
Indien nimmt in der weltweiten ökologischen Landwirtschaft eine herausragende Stellung ein, sowohl in Bezug auf die Anzahl der Erzeuger als auch auf die bewirtschaftete Fläche. Mit 2.358.267 registrierten Bio-Erzeugern (Stand 2022) beheimatet das Land etwa die Hälfte der weltweit 4,3 Millionen Bio-Bauern3. Gleichzeitig ist die indische Landwirtschaft nach wie vor stark von der Subsistenzwirtschaft geprägt. Für unzählige ländliche Haushalte bildet sie die grundlegende Basis der Ernährungssicherung. Dies schafft eine einzigartige Dynamik: Einerseits ermöglicht die traditionelle, oft pestizidfreie Landwirtschaft vieler Kleinbauern einen relativ einfachen Übergang zu zertifiziertem Ökolandbau. Andererseits stehen diese Betriebe vor erheblichen Herausforderungen bei der Vermarktung und dem Zugang zu höherwertigem Saatgut für den kommerziellen Anbau.
Inmitten dieses Spannungsfeldes aus traditionellen Praktiken, globaler Marktdominanz und den Auswirkungen des Klimawandels wird deutlich, dass der indische Ökolandbau vor großen Fragen wie Autonomie (Saatguttradition) und Resilienz steht. Die Stärkung der Ökozüchtung und der Aufbau unabhängiger Saatgutstrukturen sind daher nicht nur ein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit für eine konsequente und authentische Zukunft der indischen Landwirtschaft.
Biodynamisches Saatgut zwischen Tradition und Zukunft

Vor diesem Hintergrund sollte unsere Reise nach Indien im zeitigen Frühjahr 2024, die mit einer einfachen E-Mail-Anfrage begann, ein Signal der Solidarität und der Hoffnung sein. Anand Padmanabhan und Akshay Narendran, zwei Absolventen eines Einführungskurses in biodynamische Landwirtschaft in Indien, wurden von Seminarleiter Jake Jayakaran (Kurinji Farms) kurzerhand zu „Seed-Ambassadors“ ernannt und zu einem Praktikum nach Deutschland geschickt.
Anand und Akshay verbrachten den Sommer – mit Unterstützung von Voelkel und dem Kultursaat e.V. – auf Gut Wulfsdorf bei Hamburg. Neben praktischen Züchtungs- und Vermehrungstechniken sowie Verkostungsübungen interessierten sich die Studenten sehr für den ganzheitlichen Ansatz in der Ernährungsqualität, der in Christina Henatschs Züchtungsarbeit auf dem Betrieb eine entscheidende Rolle spielt. Anand, aufgewachsen in einer Familie angesehener Ayurveda-Ärzte, brachte ein spirituelles Verständnis von Landwirtschaft mit, dass die biodynamischen Prinzipien mit den ayurvedischen Vorstellungen von Balance und Harmonie verbindet. Ein Praktikum bei der Bingenheimer Saatgut AG rundete die Studienreise mit einer intensiven Auseinandersetzung zu Fragen von Saatgutreinigung, -sicherung und der Feststellung von Saatgutqualitäten ab. In diesem Norddeutschen Sommer 2024 entstand die Idee, eine „Seed Journey“ in Indien zu unternehmen, um die Situation vor Ort besser zu verstehen und die bereits bestehenden hoffnungsvollen Initiativen zu vernetzen und zu bestärken.
Unsere dreiwöchige Reise im Januar 2025 führte uns zunächst in den Süden Indiens. In Kodikanal diskutierten wir im Rahmen des „Biodynamic Advisory Training Program organized by Biodynamic Association of India“ mit einer Gruppe biodynamischer Berater aus verschiedenen asiatischen Ländern über das Potenzial der biodynamischen Züchtung. Die unvoreingenommene Art, mit der über Lebenskräfte und kosmische Einflüsse gesprochen wurde, war sehr beeindruckend. Gleichzeitig wurde die enorme Abhängigkeit von konventionellen Saatgutmultis von den Vertretern der verschiedenen Länder bestätigt.
Während dieses ersten Workshops entstand bereits die Idee einer länderübergreifenden Initiative in Asien, die wir im Verlauf der Reise an den verschiedenen Stationen weiter diskutieren konnten.
Ein leuchtendes Zentrum für Saatgutsouveränität

Bei der nächsten Station erlebten wir die lebendige Tradition der Saatgutbanken lokaler „Seed Saver“, wie z. B. in Wayanad, wo der Bezug zum Kulturerbe der Tausenden von Reissorten alltäglich und selbstverständlich ist. Doch für den erwerbsmäßigen ökologischen Anbau sind diese traditionellen Sorten oft nicht mehr optimal. Die sich wandelnden Bedingungen durch Klimawandel und menschliche Ernährungsbedürfnisse erfordern eine Weiterentwicklung der Sorten.
Auf unserer weiteren Reise lag unser Fokus auf Gemüsekulturen – die eine große Rolle in der vegetarischen Ernährung spielen. Wir trafen engagierte biodynamische Gärtnerinnen und Gärtner, die mit großer Hingabe erste Schritte von der Sortenerhaltung zur gezielten Züchtung unternehmen. Unser mitgebrachtes Saatgut von biodynamisch gezüchteten Sorten und der Austausch über Selektions- und Kreuzungstechniken überbrückten schnell sprachliche und kulturelle Hürden.
Wie in den Anfängen der biodynamischen Züchtungsbewegung in Deutschland wird auch hier die Züchtung oft nur noch nebenbei als „Chef-Hobby“ betrieben. Das führt dazu, dass die Züchtung nur sehr langfristig zu neuen Sorten und damit zu Erfolg und Einkommen führen wird. Aktuell arbeiten diese Initiativen noch weitgehend isoliert; eine Vernetzung für Wissensaustausch und gegenseitige Unterstützung ist praktisch kaum etabliert.
Insgesamt haben wir 7 Betriebe, 3 Trainingscenter und Initiativen besucht und viele Workshops mit spannenden Diskussionen gehalten. Auf Einladung von Binita Shah, einer Pionierin der biodynamischen Bewegung in Indien, waren wir zu Gast im SARG Centre in Dehradun4. Der eintägige Workshop mit Bäuerinnen und Bauern, Agrarbeamten und Beratern war intensiv und voller Überraschungen. So stellte sich heraus, dass ein Berater und Binita selbst Erfahrung in der Vermehrung von Möhren haben – eine große Herausforderung aufgrund des Monsunregens im ganzen Land. In Assam bei Pabhoi Seeds5 überraschte uns der erfolgreiche Anbau von Kultursaat-Sorten aus biodynamisch zertifizierter Züchtung aus Deutsch-land und der Schweiz. Pabhoi Seeds beherbergt ein Trainingszentrum für ökologischen und biodynamischen Anbau. Hier werden vom Gründer und Initiator des ersten indischen biodynamischen Saatgutunternehmens, Neelam Dutta, mit Unterstützung seines kleinen Teams laufend Kurse mit hohem Praxisanteil angeboten. In einem Workshop mit Studierenden konnten wir intensive praktische Erfahrungen in Vermehrung und Züchtung auf den Feldern von Neelam Dutta vermitteln.
Der Besuch von Kapil Shah6, einem Pionier des Ökolandbaus in Indien, auf der Pabhoi Farm führte zu einer intensiven und begeisternden Diskussion. Er bestärkte uns nachdrücklich in der Überzeugung, dass der reiche Schatz der indischen Saatguttradition die ideale Basis für die zukunftsweisende Entwicklung einer ökologischen Züchtung und Saatgutvermehrung darstellt.
Ein besonderer Abschluss der Reise war ein von der Biodynamic Association of India organisierter Workshop in Bangalore mit über 80 Teilnehmenden! Auch hier war ein – für europäische Verhältnisse – erfrischend immenses Interesse an der Wirkung biodynamischer Praktiken auf die Ernährungsqualität zu erleben.
Anand, der inzwischen seine kleine biodynamische Farm weiter vergrößert, um mindestens zwei ayurvedische Krankenhäuser mit Gemüse, Kräutern und Früchten zu versorgen, fasst zusammen: „Unsere Lernphase in Deutschland war äußerst wertvoll, und die Saatgut-Reise hat uns wichtige Impulse für den Erhalt der Saatgutsouveränität und den Aufbau einer unabhängigen Saatgutstruktur in Indien gebracht. Praktische erste Erfolge sind weitere Sortenversuche in Kerala, Karnataka und Dehradun sowie die Tatsache, dass jetzt im Sommer 2025 zwei weitere Studierende zu Christina fahren. Dies zeigt, wie lebendig diese kleine Bewegung bereits ist. Die BioFach 2026 wird dank ihrer Vernetzungsmöglichkeiten ein entscheidender Meilenstein für unsere weitere Arbeit sein“.
Das Fazit unserer Reise ist klar: Der nächste logische Schritt ist die Gründung der „Asia Organic Seed Alliance“. Ein ökologisches Saatgutnetzwerk, das Wissen und Erfahrungen austauscht, die Vernetzung fördert, Informationen bereitstellt (z. B. Anbauanleitungen für Saatgutvermehrung, Grundlagen zu Sortenversuchen, Schulungen zur Züchtung) und die rechtlichen Grundlagen für Saatgut in den jeweiligen Ländern sondiert. Dabei sollen bereits bestehende Initiativen, wie die der IFOAM Seed Platform, genutzt und unterstützt werden.
Saatgut ist die Quelle allen Lebens

Wie ein Schweizer Kollege, der die Pabhoi Farm in Assam seit 15 Jahren in der Saatgutarbeit unterstützt, treffend bemerkte: „Eine Reise nach Indien ist besonders: eine Reise in ein unglaubliches und majestätisches Land, in dem so viele verschiedene Welten nebeneinander existieren, in einer Komplexität und einem Reichtum, die ein ständiges Staunen hervorrufen. Ein anderer Planet, um doch Menschen zu begegnen, die die gleiche grundlegende Aufgabe haben, die uns seit Jahren begleitet: der Landwirtschaft zu ermöglichen, ihre wahren Wurzeln und eine ihrer wichtigsten Lebensquellen wiederzufinden.“
Dieser Gedanke spiegelt die Essenz dessen wider, was wir mit der India Asia Organic Seed Alliance anstreben: Wir wollen das Denken und Handeln von einer engen, auf kurzfristigen Gewinn ausgerichteten Sichtweise der konventionellen Saatgutindustrie hin zu einem breiteren Verständnis von Verbundenheit und gegenseitiger Abhängigkeit alles Lebendigen verlagern. Denn nur, wenn wir das Saatgut – die universelle Quelle allen Lebens – als gemeinsames Erbe begreifen und es durch konsequente Ökozüchtung so entwickeln, dass es die Grundlage für gesunde Pflanzen, Tiere und Ökosysteme bildet, können wir die großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen und eine authentische Zukunft für die Landwirtschaft in Indien und darüber hinaus gestalten.•
Quellen:
- https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Klim%C3%A4nderungen_und_Landwirtschaft_Indien
- https://www.giz.de/de/weltweit/122943.html
- https://www.fibl.org/fileadmin/documents/shop/1797-organic-world-2025.pdf
- https://www.sargindia.org/our-team.htm
- https://www.pabhoigreens.com/
- https://www.gmwatch.org/en/main-menu/news-menu-title/archive/90-2016/17364-fighting-corporate-seeds-in-south-asia
Werden Sie Teil dieser Bewegung für einen unabhängigen Ökolandbau
Um die India Asia Organic Seed Alliance erfolgreich zu gründen und ihre wichtigen Projekte zu realisieren, benötigen wir Ihre Unterstützung. Wir suchen finanzielle Ressourcen, beispielsweise für die Antragstellung bei indischen Förderern und staatlichen Programmen, aber auch weitere Saatgutspenden und ehrenamtliche Beratung für die strategische Entwicklung, Förderantragstellung und Öffentlichkeitsarbeit. Auch bei der Entwicklung einer Homepage und der Organisation einer Züchtungskonferenz mit Saatgutfestival auf der BioFach Nürnberg 2026, die wir gerne finanzieren möchten, ist jede Hilfe willkommen.
Wir laden Sie herzlich ein, Teil dieser wichtigen Bewegung zu werden und die Zukunft der ökologischen Saatgutarbeit in Asien mitzugestalten.
Wenn Sie die Gründung der India Asia Organic Seed Alliance unterstützen möchten, wenden Sie sich in Deutschland bitte an Petra Boie (petra_boie@posteo.de) und in Indien an Anand Padmanabhan (anand@purnayoo.com). Für Anfragen und Ideen aus Indonesien und anderen asiatischen Ländern steht Ihnen Alex Edleson (Constelación Seed Cooperative; Argentine Biodynamic Association; alex.lee.edleson@gmail.com) gerne zur Verfügung.