Portrait

Biodynamisch im Klimawandel

Wie Familie Bühler sich darauf einstellt

von Michael Olbrich-Majer

Natürlich merkt die Landwirtschaft den Klimawandel. Demeter-Landwirt Friedhard Bühler beobachtet die Veränderungen in der Jahreswitterung schon länger: Hitzeperioden, Starkregen, Trockenheit, milde Winter ohne Frost, dafür lange nass - all das wirkt sich auf Böden, Pflanzen und Tiere des biodynamischen Bühlerhofs aus. Vor allem die Unberechenbarkeit nimmt zu und die Zeitfenster für Feldarbeiten werden oft kleiner. Im letzten Winter gab es z. B. nur vier Tage zum Pflügen. Auch treten neue Schädlinge auf und die Pflanzen leiden in der Hitze, werden anfälliger. Wie stellt sich der Demeter-Betrieb darauf ein? Was unternehmen die Betriebsleiter, Vater und Sohn, um die Effekte der Wetterextreme abzumildern?

Wasser: meist zu wenig, mal zu viel

Eigentlich auf feuchtem Grund gelegen, machen die länger werdenden Trockenperioden, oft zu kritischen Wachstumszeiten, dem gemüsestarken Betrieb zu schaffen. Denn frisch gesäte Möhren oder Rote Beete – beide mit samenfesten Sorten, brauchen feuchten Bodenschluss, die jungen Bestände Wasser. Daher säen die Bühlers die Möhren auf spezielle, rückverfestigte Dämme, mit Dammfräse, Druckwalze und GPS gezogen. Die lassen sich auch gut abflammen, die Möhren laufen so besser auf, aber die Dämme sind erosionsanfällig. Denn Starkregenereignisse nehmen zu und treten meist auf, wenn der Boden so trocken ist, dass wenig einsickert. Feuchte Hitze dagegen ermöglicht zwar Wüchsigkeit, steigert aber das Risiko für Alternariabefall am Möhrenlaub. Mit der Klimaerwärmung wandern auch Schädlinge aus dem Süden ein, aktuell macht die Schilfglanzzikade Rote Bete und Kartoffel zu schaffen: sie überträgt SBR und Stolbur, bakterielle Erkrankungen, welche die Erdfrüchte gummiartig werden lassen.

Gemischtbetrieb mit Feldgemüse

Dass auf dem Bühlerhof so viel Gemüse angebaut wird, liegt nicht nur an den ertragsfähigen Böden und den langfristigen Abnehmern wie den Demeter-Saftern Beutelsbacher und Voelkel. Schon bei der Umstellung wurden die Zuckerrüben durch Rote Beete für die EZG Demeter-Felderzeugnisse ersetzt. Friedhards Vater hatte den ausgesiedelten Hof von Friedhards Großvater übernommen und als Gärtnermeister Freude am Gemüsebau. Der Großvater konnte sein Erbe durch Pacht und Zukauf ausbauen: als Lohnunternehmer bestellte er mit dem Pferd die Felder der Nachbarn – meist Selbstversorger im Nebenerwerb. 1960 siedelte er zusammen mit Friedhards Vater an den jetzigen Standort. Den Ursprungshof mit einem Dreiviertelhektar Land hatte der Urgroßvater gegen Arbeitsleistung geerbt.

Nach Landwirtschaftsstudium in Nürtingen und Lehr- und Wanderjahren, u. a. einem Jahr in den USA, stieg Friedhard Bühler 1987 in den Betrieb ein, der unter seiner Mitwirkung bereits ab 1982 umgestellt wurde. Natürlich auf Demeter, seine damaligen Vorbilder, die Landwirte Friedrich Sattler, Karl Treß, Erich Holz, Bernhard Hack, waren überzeugend. Die Eltern spielten mit, waren noch nicht auf neue spritzmittelintensive Verfahren umgestiegen. Für die Milch der damals 20 Kühe stand die Molkerei Schrozberg bereit und Tierhaltung war noch selbstverständlich, auch, weil, wie Bühler sagt, „man das machen muss, woran man Freude hat!“ Und natürlich sicherte das Milchgeld das Überleben. 1991 heiratete er Beate, die Tochter vom Nachbarhof. Heute ist der Betrieb von 20 Hektar auf 85 gewachsen, ist eine Lagerhalle und 2011 auch ein neuer Boxenlaufstall für 45 Kühe hinzugekommen.

Der Stallneubau hat sich gelohnt

Mit über 50 Jahren nocheinmal eine Dreiviertelmillion zu investieren, war damals keine leichte Entscheidung, zumal offen war, was Sohn Hauke vorhat. Heute ist Friedhard Bühler froh darüber: Der neue Stall habe neue Dynamik in den Betrieb gebracht, dieser sei attraktiver geworden, auch als Arbeitsplatz. Und die Tiere dankten den Komfort im großzügig bemessenen Stall mit einem Leistungssprung von gut 6.000 auf 8.000 Litern, auch, weil der Milchviehhaltung mehr Aufmerksamkeit geschenkt, u. a. mehr Futter angebaut wurde. Dass nun mehr Vieh gehalten werden konnte, half der Düngeversorgung, zumal die Gülle im Vergleich zum Festmist auf den im Frühjahr nur langsam sich erwärmenden Böden besser anschlug. Die Ausbringung per Schleppschuh, Technik vom Nachbarn geliehen, brachte nochmal gut 5 % Mehrertrag. Für Bühler wirkt es so, als hätten die Tiere für den Aufwand des Stallbaus etwas zurückgegeben. Der Festmist aus den Tiefstreubereichen ist, biodynamisch kompostiert, nach wie vor wichtig für Kartoffeln und das Gemüse.

Die Verteilung mittels Schleppschuh ist nicht nur zielgenauer, sie mindert zudem die Ammoniak-Emissionen, ebenso, wie die Pflanzenkohle, von der die Landwirte 20 Kilogramm täglich pulverisiert auf der Lauffläche im Stall verstreuen. Die dadurch effizientere Stickstoffnutzung und Kohlenstoffzufuhr fördern den Humuserhalt in den Böden: ein guter, lebendiger Boden ist das wichtigste Ziel im Hinblick auf die Anpassung an den Klimawandel. Stabilere Aggregate, weniger Verschlämmung, besseres Wasserhaltevermögen, das gibt auch widerstandsfähigere Pflanzenbestände - im Prinzip. Denn es braucht noch mehr, um in extremer werdenden Witterungsverhältnissen resilient zu wirtschaften. Eine grundsätzliche Änderung des Betriebskonzepts steht auf dem Bühlerhof zwar nicht an, aber mit vielen kleinen Maßnahmen in den Anbauverfahren steuern die Landwirte gegen. Dazu gehört, wenn möglich, mehr grubbern und Mulchsaat als zu pflügen und das Ausweiten des Luzerneanbaus, Zwischenfrüchte wo immer das geht und Untersaaten bei Kartoffeln, ein biodynamisch-regenerativer Ansatz.

Klimawandel – vor allem Hackfrüchte leiden

Getreide litt in den letzten Jahren weniger unter den trockenen Sommern. In diesem, feuchten Jahr dagegen gibt es mehr Pilzdruck, z. B. durch Fusarienpilze. In der Regel aber sind es die Hackfrüchte, um die man sich kümmern muss. Trockenheit macht vor allem Kartoffeln, Rote Bete vor allem aber den Möhren zu schaffen, auch auf den guten Böden. Ohne Bewässerung würde der Bühlerhof Totalausfall riskieren. Deshalb wurde 2007 ein Brunnen gebohrt und eine Regenkanone angeschafft. Allerdings reicht die geringe Schüttung nicht aus. Tropfbewässerung war der nächste Schritt. Das Verlegen der Schläuche in die Dämme von Kartoffeln oder Möhren ist teuer – ca. 1000 €/ha Materialkosten, und es ist aufwändig. Zudem leidet die Bodenstruktur und Häufeln geht dann nicht mehr. Da die Schläuche vor der Ernte wieder geborgen werden müssen, entsteht weiterer Arbeitsaufwand. In drei Jahren und 7 Hektar hat sich das nur bei einem Hektar gelohnt. Inzwischen werden die Schläuche bedarfsweise auf dem Damm verlegt, in Kombination mit nächtlicher Beregnung.

Neu ist daher der Einsatz von Transfermulch, um Klimawandelfolgen zu mindern, aktuell in den Kartoffeln des Bühlerhofs: Kühlen, Halten der Bodenfeuchte in den Dämmen und damit gleichmäßigere Knollen und bessere Rodefähigkeit sind die Ziele, außerdem verhindert die Mulchdecke Erosion. Siliert soll Mulch auch den Kartoffelkäfer fernhalten, eine Novodor-Spritzung war dennoch nötig. Rasch, nachdem die Pflanzen aus den Dämmen schauten, wurden 20 Fuhren mit dem 18-t-Miststreuer je Hektar ausgebracht, 8-10 cm dick, siliertes Gras von 8 Hektar Streuobstwiesen. Greift man in den Damm, so bestätigt sich die bessere und feuchtere Gare ebenso wie die geringere Klutigkeit. Die ersten gerodeten Reihen zeigen fast doppelt so große Knollen unter Mulch. Auch bleiben die Pflanzen deutlich länger grün. Dem Pilz vorbeugend Schachtelhalm auf die für Kartoffeln geplante Fläche spitzen, dazu war es im Winter zu nass und auch für eine dreifache Hornkieselspritzung zum Stärken der Pflanzen waren die Zeitfenster im verregneten Frühsommer zu knapp für alle Bestände. Was dem Landwirt auffällt ist, dass die Krankheit sich vor allem dort verstärkt zeigt, wo der Boden nicht ganz in Ordnung ist. Damit der auch im späten Kartoffelstadium bedeckt ist, haben Bühlers zwischen die Dämme eines ungemulchten Bestands eine Zwischenfruchtmischung gesät, die jetzt beim Absterben des Krauts schon gut entwickelt ist. So haben Bühlers eigentlich alles ausgereizt, um der Krautfäule vorzubeugen, auch mit toleranten Sorten und den Reihen im Wind. In nassen Jahren wie diesen reicht das ökonomisch trotzdem nicht, daher plädiert Friedhard Bühler für die Wiederzulassung von Kupfer für Kartoffeln in den Demeter-Richtlinien.

Nicht gepflügt, aber mit Mulchsaat – das praktiziert der Betrieb auch beim Mais, der nach einer den Boden lockernden Winterbegrünung und zwei Fräsgängen im Zweiwochenabstand gesät wird. Wo Krähen den Bestand ausdünnen, schließt Sudangras zwischen den Reihen die Lücken, schützt den Boden, nimmt Unkraut den Raum und kann mit siliert werden. Die Erträge seien wie bei den konventionellen Kollegen, so Bühler.

700 Hochstämme

Zum Betrieb gehören erstaunliche 700 Hochstämme auf den hängigen Wiesen des sanften Talgrunds. Vor gut hundert Jahren wurde hier Obst anstelle der Reben gepflanzt, die immer noch die oberen Hänge prägen. Vier Wochen Arbeit im Winter zum Bäume schneiden und im Sommer zweimal mähen, schön um die Stämme herum, das ist nicht wenig Aufwand bei 18 Hektar. Das Obst geht zu Beutelsbacher sowie ein Teil als Saft in die kleine Direktvermarktung. Die organisiert Beate Bühler, an drei Abenden stehen Hofprodukte zur Abholung bereit. Die meisten Kartoffeln gehen zum regionalen Großhandel HakoPaxan. Mit Kartoffeln, Möhren und Rote Bete bedient der Hof aber auch Direktvermarkter in der Region sowie Naturkostläden. Das Getreide nimmt die Spielberger Mühle ab.

Vieh macht Arbeit – trotz Melkroboter

Den Stall haben Bühlers so gebaut, dass er oben offen ist und Netzvorhänge an den Seiten Wind und Licht regulieren können. Für den Kuhkomfort in den immer heißeren Sommern hat Hauke Bühler Ventilatoren eingebaut. Da der angestellte Melker im letzten Jahr krankheitsbedingt ausschied, kümmerte sich Hauke um den Einbau eines Melkroboters, seit Februar in Betrieb. Dennoch ist Zeit zur Tierbeobachtung im Stall nach wie vor erforderlich und nicht alle Euter sind robotergängig. Gefüttert wird neben dem Lockfutter und 1-2 Kilo Kraftfutter vor allem vorgelegtes Grün – in den letzten Jahren mit zunehmendem Luzerneanteil. Die regeneriert bei Trockenphasen am besten. Die Ration besteht zur Hälfte daraus, plus 20 % Mais und 30 % Gras – vorwiegend als Heu.

Der Bühlerhof hat eine bunte Herde: in der Umstellungszeit kam zum ursprünglichen Fleckvieh rote und schwarze Holstein Frisian, allerdings rudert Hauke da züchterisch wieder zurück. Fleckvieh ist bei inzwischen vergleichbarer Leistung gesünder und die heutigen HF-Rinder „kannst Du nicht mehr ausfüttern.“ Der Junglandwirt besamt selbst, zum einen gibt es bei den Bullen durch künstliche Besamung mehr Auswahl, zum anderen ist die Haltung eines Zuchtbullen nicht ohne Risiko. Bei der Anpaarung orientiert er sich an den Empfehlungen zum Ökologischen Gesamtzuchtwert, welche die bayrische LfL jährlich aktualisiert und denen der Demeter Beratung. Die Jungviehaufzucht haben die Landwirte an einen Demeter-Grünlandbetrieb im Schwäbischen Wald delegiert. Die Demeter-Kollegen haben ein besseres Auge drauf, die Rinder kommen belegt zurück bzw. verbleibt, was nicht den Bestand remontiert, auf dem Aufzuchtbetrieb zur Mast.

Die künftig verschärfte Vorgabe, den Kühen Weide zu bieten, stellte die Bühlers vor ein Dilemma. Rund um den Hof sind beste ackerfähige Böden, zum mehr oder weniger natürlichen Grünland, den Streuobstwiesen, ist es einen Kilometer Triebweg. Und, diese Wiesen eignen sich nur sehr begrenzt für die Fütterung einer leistungsbetonten Herde. Die Milchkühe wurden bisher vor allem im Stall mit Grün gefüttert. Im letzten Sommer säte der Betrieb dann drei Hektar Weide direkt am Hof an, das richtige Beweidungssystem muss Hauke Bühler allerdings noch finden, auch weil die Tiere etwas fressfaul beim Grasen sind. Doch, „Wenn man sieht, wie die Kühe sich freuen, entschädigt das für den Verlust von Ackerfläche“ ist sich die Familie einig.

Perspektive

Die Vielseitigkeit des Hofes ist Chance und Problem zugleich. Einerseits ist er dadurch ökologischer und resilienter, weniger anfällig für wetter- oder marktbedingte Ertragsschwankungen. Andrerseits ist der Arbeitsanfall immens. „Wir machen alles, was Arbeit macht“ scherzt Bühler senior. Die gute Vernetzung im Ort ist dabei ein Vorteil - da helfen in Spitzenzeiten Bekannte z. B. beim Schlepperfahren aus. Steigende Löhne für Saisonarbeitskräfte aber bei bereits ausgereizten Erträgen bei Möhren und Kartoffeln fordern den Betrieb.

Aktuell passt die Form der GbR – die Aufgaben sind verteilt auf Milchvieh, Futterbau, Getreide – Hauke Bühler, und Kartoffeln, Feldgemüse – Friedhard Bühler. Die Eigentums- und Betriebsübergabe ist ein Thema, das die nächsten Jahre ansteht. Vielleicht wird der Sohn den Betrieb künftig mehr spezialisieren müssen, denn trotz Melkroboter braucht das Vieh seine Zeit. Insgesamt aber ist der Betrieb gut aufgestellt, auch im Umgang mit dem Klimawandel.

 

Michael Olbrich-Majer
Redaktion Lebendige Erde

Demeter-Betrieb Bühlerhof, Murr

  • Demeter seit 1984
  • Murrtal bei Ludwigsburg, lehmige bis tonige Parabraunerden, 50- 75 Bodenpunkte, im Jahresdurchschnitt 11°C, 650 mm Niederschlag
  • 85 ha, teilarrondiert, davon 55 Acker, 30 Grünland u. a. 18 ha Streuobst mit ca. 700 Bäumen
  • Anbau: Winterweizen (biodynamische Sorten), Triticale/Erbsen, Luzernegras, Silomais, Kartoffeln, Möhren, rote Bete (jeweils samenfest), Zuckerrüben
  • 55 Milchkühe, Kälber, Nachzucht beim Demeter-Kollegen
  • Vermarktung: Milch an Molkerei Schrozberg, Getreide: Spielberger Mühle, Möhren, Rote Beete, Äpfel: Beutelsbacher, Voelkel, Zuckerrüben an Dreher; Kartoffeln und Möhren an umliegende Hof- und Naturkostläden bzw. für Selbstabholer an 3 Abenden
  • Arbeitskräfte: Hauke und Friedhard Bühler in Feld und Stall, Beate Bühler (Direktvermarktung), 1 Mitarbeiter, 4 Teilzeitkräfte, 3 saisonale Aushilfen

Bühlerhof, Hohenhartweg 14, 71711 Murr