Portrait

Vielfalt Vom Feld

Kichererbse, Lein & Co vom Hof Schwalmtal

von Katrin Bader

Nahrungsmittel herzustellen ist für Moritz Schäfer nicht nur Beruf, sondern Leidenschaft. Auf seinem Betrieb Demeter-Hof Schwalmtal stehen 100 Milchkühe, deren Milch an die Molkerei Schrozberg geht, und 185 Hektar Ackerland beherbergen eine Vielzahl an Kulturen: Neben den klassischen Getreidesommerungen und Winterungen finden auch Kichererbsen, Leindotter, Lein, Buchweizen, Lupinen oder Erbsen hier ihren Platz in der Fruchtfolge und der Vermarktung. Die neun- bis zehnjährige Fruchtfolge profitiert von Diversität: In der Kulturwahl, der Bodenbearbeitung, dem Saat- und Erntezeitpunkt sowie der folgenden Aufbereitung und Vermarktung.

Den Betrieb übernahm Moritz 2010 mit 95 Hektar und 50 Kühen als konventionellen Milchviehbetrieb. Zwischenzeitlich hatte er 140 Kühe im Stall, aktuell sind 100 Milchkühe und Nachzucht sowie zwei Deckbullen vor Ort. Mit dem Anbau der Sonder- oder Speisekulturen, also Druschfrüchte, die man nach entsprechender Zubereitung, z. B. kochen, direkt als Nahrungsmittel konsumieren kann, begann Moritz 2017. „Bei diesen Kulturen ist kein weiterer Verarbeitungsschritt wie mahlen und verbacken nötig“, fasst Moritz seine Motivation für Lein, Leindotter, Linsen, Kichererbsen, Buchweizen und Lupinen zusammen. Zeitgleich war klar, dass neben dem Anbau auch die Aufbereitung und der Absatz geklärt sein müssen. In der Gegend um Alsfeld gab es weder noch, daher nahm Moritz beides selbst in die Hand – „technisch ist es aufwändig und herausfordernd, aber sehr spannend.“ Auch der Anbau und die Vermarktung von ökologischem Saatgut zählt zu den Betriebszweigen.

Ausgeklügelte Fruchtfolge für Vielfalt

Die neun- bis zehnjährige Fruchtfolge beginnt mit einem zweijährigen Kleegras, das meist als Untersaat etabliert wird. Da die Ackerfläche von 185 Hektar auf fast 60 Einzelschläge verteilt ist, kann Moritz nicht auf gleich große Fruchtfolgeglieder setzen, muss also mit einer gewissen Flexibilität die rund 20 Kulturen individuell einplanen. Grundsätzlich wechseln Winterungen und Sommerungen und vor den Sommerungen steht immer eine Zwischenfrucht. Dadurch lassen sich etwa Ackerfuchsschwanz oder Disteln, die für schwere Böden typisch sind, gut eindämmen. Die üblichen Pausen für die Körnerleguminosen hält Moritz ein, wobei die Abstände mittlerweile schon kürzer sind, als sie im Lehrbuch stehen – doch es sind nie die gleichen Arten, die aufeinander folgen. Außerdem herrscht eine ausgewogene Mischung zwischen intensiv zu bearbeitenden und eher extensiven Kulturen: „Lupinen oder Kichererbsen werden gestriegelt und mehrmals gehackt, die Gemenge hingegen werden nach der Saat gar nicht mehr bearbeitet – so haben wir automatisch unterschiedlich intensiv genutzte Flächen, in denen auch Wildtiere und Insekten ihren Platz finden“, erklärt Moritz.

Vielfalt ist auch an anderen Stellen in der Fruchtfolge sichtbar: So bringt das Landsberger Gemenge nicht nur Futter für die Tiere, sondern ermöglicht danach auch den Anbau von Buchweizen, der vom Zwischenfruchteffekt profitiert und mit einer kurzen Kulturzeit von etwa 110 Tagen die zunehmend längere Vegetationszeit ausnutzen kann. „Ähnliches versuchen wir auch mit Sonnenblumen nach Landsberger Gemenge, für solche Experimente haben wir dank der Flexibilität in der Fruchtfolge Kapazität“, ergänzt Moritz. Um den Überblick für die Planung zu behalten, hat sich eine Exceltabelle bewährt – die Schlagkartei dient eigentlich nur zum Nachweis für die Düngeverordnung, wobei sie durchaus auch Vorteile für die Mitarbeitenden hat, da sie so alle Flächenbestände einsehen, bearbeiten und dokumentieren können.

Risikostreuung im Anbau

Die Sonderkulturen stehen oft in Mischkultur oder auch im Gemenge auf dem Feld, wie etwa bei Nackthafer, grünen Linsen und Leindotter. Diese extensiv bewirtschaftete Mischung wird etwa zwei Zentimeter tief abgelegt, angewalzt und dann in Ruhe gelassen – selbst auf den Striegel wird in diesem Mix verzichtet. Aussaat und Ernte, das sind die zwei Arbeitsgänge, die im Gemenge erfolgen. Durch diese Bodenruhe fühlen sich auch Bodenbrüter in den Flächen wohl und finden dort ein sicheres Habitat für Brut und Aufzucht. Ein Vorteil des Gemengeanbaus liegt für Moritz klar auf der Hand: „Die Einzelkulturen bringen vielleicht auch mal kleinere Erträge, aber insgesamt ist das Risiko eines Total­ausfalls minimiert – irgendwas wächst garantiert“. Die angebaute Vielfalt an Pflanzen bereichert einerseits die Feldflur und entzerrt andererseits die anstehenden Arbeiten – so sind Moritz und seine Mitarbeitenden elf Monate im Jahr mit dem Ackerbau beschäftigt, der Drusch beispielsweise zieht sich von Juli bis in den Oktober und auch die Bodenbearbeitung, Aussaat und Pflegearbeiten sind zeitlich gestaffelt durchführbar – die komplett eigene Mechanisierung vom Schlepper bis zum Mähdrescher erleichtert dabei die Planung und Durchführung.

Die weite Fruchtfolge, kleine Schläge und der Hang zu Sonderkulturen bieten Moritz die Möglichkeit, neue Kulturen auszuprobieren – und gegebenenfalls auch wieder zu verwerfen. So hat sich der Hanfanbau nicht bewährt und auch Drachenkopf oder Saflor haben nicht überzeugt. Genaues Beobachten der Bestände schult den Blick für die Bedürfnisse der Pflanzen, so reagieren Lein und Buchweizen deutlich auf die Verdichtungen an den Fahrgassen – also wird der Reifendruck angepasst, um möglichst gesunde Pflanzen und gute Erträge zu erzielen. Zunehmend problematisch ist die Trockenheit – einerseits perfekt für Kichererbsen, die ursprünglich aus ariden Klimazonen stammen und gut mit heißer Luft und wenig Wasser zurechtkommen, doch die Aussaat und Pflege der anderen Kulturen wird immer unvorhersehbarer und kritischer. „Diese Wetterkapriolen machen sich auch beim Saatgutabsatz bemerkbar, denn die Winterungen werden zunehmend stärker als die Sommerungen nachgefragt“, ergänzt Moritz.

ÖkoSaat aus dem Kornhaus

Neben dem Anbau von Speisegetreide und Sonderkulturen ist die Saatgutvermehrung ein wichtiger Betriebszweig: Gerste und Nacktgerste, Roggen, Emmer, Weizen, Dinkel und Kresse stehen derzeit im Anbau, dabei sind auch Populationen wie Liocharls und
biodynamische Sorten wie Butaro, Wiwa, Aristaro, Gletscher oder Sephora vertreten. Die Saatgutproduktion profitiert davon, dass nie zwei Winterungen nacheinander folgen, so ist beispielsweise der Roggendurchwuchs im Dinkel automatisch reduziert.

Ein ehemaliger Raiffeisenstandort nahe des Hofes, das Kornhaus, wird heute von der 2020 gegründeten ÖkoSaat Hessen für die Aufbereitung, Lagerung und die Vermarktung des Saatgutes und der weiteren Hofprodukte genutzt. Mittlerweile ist Moritz als „eingetragener Kaufmann“ alleiniger Geschäftsinhaber der ÖkoSaat Hessen und für alle Tätigkeitsbereiche und drei Mitarbeitende verantwortlich: Vermehrung und Verkauf von Saatgut sowie Dienstleistungen für Verarbeiter und Landwirte, sprich: Aufbereitung, Lagerungen und Beratung. Die Kapazitäten der Anlage sind mit dem derzeitigen Personalspiegel voll ausgelastet – „eine Skalierung nach oben wäre möglich, der Bedarf und die Nachfrage ist da, aber aktuell gehen wir den Schritt noch nicht, da solche Investitionen gut überlegt sein müssen, wenn man als Privatperson persönlich dafür geradestehen muss“, gibt Moritz zu bedenken.

Meine Vorstellung einer gesunden Feldflur ist Vielfalt auf den Schlägen – dass immer etwas blüht, es einen Wechsel von Eingriff und Ruhe gibt, und nie alles auf einmal geerntet ist.“

Moritz Schäfer

Vermarktung und Kooperationen

Die Vermarktung der Hofprodukte läuft über verschiedene Kanäle: Das Saatgut wird in 25 kg Säcken oder Big Bags über die ÖkoSaat Hessen verkauft. Die weiteren Produkte des Hofes – also Mehle, Leinöl, Lupinenkaffee, Getreide und die Sonderkulturen – sind in Einheiten von 500 g bis 500 kg Big Bags verkäuflich. Zu den Kunden zählen neben inhabergeführten Bio- und Hofläden auch ein paar Supermärkte oder Unverpacktläden, Denns-Märkte und einige Gastronomien sowie Bäckereien. Die Auslieferung findet komplett in Eigenregie statt: Dreimal pro Monat beliefert Moritz Läden in Nord-, West- und Südhessen. Intensive Lieferbeziehungen bestehen zu einigen Verarbeitern wie Spielberger, Naturata oder Erdmannhauser. Natürlich sind auch im kleinen Selbstbedienungshofladen die Produkte sowie Rindfleisch der eigenen Tiere zu erwerben. In der eher strukturschwachen Region ist die Nachfrage von Bioprodukten begrenzt. Anders sieht es im weiteren Umfeld, den Ballungsgebieten rund um Fulda, Marburg oder Gießen, aus.

Um die (Hof-)Bäckereien zu beliefern, kooperiert Moritz mit einer 25 km entfernten Mühle, die Roggen, Weizen, Dinkel, Emmer sowohl zu Auszugs- als auch Vollkornmehlen vermahlt. Dafür wird das hofeigene als auch Zukaufgetreide von acht anderen Demeter-Höfen verwendet. Auch die Ölpressung von Lein oder Leindotter und das Rösten der Lupinen für den Lupinenkaffee sind ausgelagert und werden von Kooperationsbetrieben übernommen.

Die Organisation rund um die Lohnverarbeitung, Lieferung, Reinigung, Bestellungen, Hofabläufe etc. läuft komplett über den Schreibtisch von Moritz und seiner Frau Xenia, Moritz koordiniert alle Abläufe und springt ein, wenn irgendwo eine Lücke ist. Xenia arbeitet beim FiBL, übernimmt am Hof einen Teil der Büro- & Stallarbeit und kümmert sich um den gemeinsamen Sohn Michel. Der Vater von Moritz lebt auch am Hof und sorgt täglich für das gemeinsame Mittagessen – meist mit Zutaten vom Hof und aus seinem eigenen Garten.

Milchvieh mit Blick in die Zukunft

Die rund 100 Milchkühe hat Moritz mittlerweile auf ammengebundene Kälberaufzucht umgestellt und ist mit diesem System sehr zufrieden, da es sich für Mensch und Tier bewährt hat: Die Herde ist gesund, robust und unkompliziert im Handling, zum Teil liegt es wohl auch am eingekreuzten Deutschen Schwarzbunten Niederungsrind. Die Tiere sind nicht auf Hochleistung getrimmt und liefern etwa 6.000 Liter pro Tier und Jahr – Abnehmer der Milch ist die Molkerei Schrozberg. Die Kühe bekommen wenig Kraftfutter, lediglich den Ausputz vom Kornhaus, also kein extra angebautes Futtergetreide. Etwa 70 bis 80 Tonnen je Jahr kommen da zusammen, im Winter steht auch die Kleie vom Müller, der das Getreide weiterverarbeitet, hoch im Kurs bei den Wiederkäuern. Ansonsten gibt es eine Gras-Kleegras-Schrot-Mischration im Winter und im Sommer kommen die Tiere nachts auf die am Hof gelegenen Weiden, zugefüttert wird tagsüber mit Grünfutter und nur wenig Silage bzw. Heu. Der Wirtschaftsdünger wird kompostiert, mit den Biodynamischen Präparaten behandelt und gleichmäßig auf Grünland und Acker, über die Fruchtfolge hinweg, ausgebracht

Die Verantwortung für die Milchkühe teilen sich Moritz und Xenia sowie ein bis zwei Mitarbeiter. Stillstand im Stall gibt es nie – ein paar Umbauten stehen an, sodass er noch tierfreundlicher wird, beispielsweise durch Schattiernetze, die den Kühen ein angenehm kühleres Stallklima ermöglichen werden. Ein sehr großer Schritt ist mit einem Stallneubau geplant: In diesem sollen perspektivisch alle eigenen Nachzuchttiere untergebracht sein, weiblich wie männlich. „Damit hätten wir die Möglichkeit, auch unsere Bullenkälber selbst aufzuziehen, ihnen Weidegang zu ermöglichen, und sie bis zur Schlachtung am Betrieb zu behalten“, erläutert Moritz einen der Beweggründe, in den neuen Jungviehstall zu investieren. Dieser Schritt ist ein Teilaspekt, um den Betrieb noch resilienter aufzustellen, das Zusammenspiel zwischen Grünland-Acker-Milch-Fleisch weiter zu verbessern und so den Hoforganismus für die Zukunft zu wappnen.

 

Authorin: Katrin Bader
Redaktion Lebendige Erde; katrin.bader(at)demeter.de

Demeter-Hof Schwalmtal

  • 285 ha: 100 ha Grünland (durchschn. 1,3 ha groß), 185 ha Ackerland (durchschn. 2,2 ha), lehmiger Ton/Ton,
  • mittelschwere bis schwere Böden, 15 ha Eigentum
  • 100 Milchkühe, ca. 6.000 Liter / Kuh, Milch über Molkerei Schrozberg
  • 9 bis 10jährige Fruchtfolge
  • Vermarktung: Direkt über Hofladen, Läden in der Region, Biosupermärkte, Demeter-Verarbeiter
  • Saatgutvermehrung, Aufbereitung im Lohn
  • Kulturen / Produkte: Linsen (grün, Beluga), Leindotter, Speiseerbsen (grün), Kichererbse, Leinsamen (gold, braun), Sonnenblumen, Lupine (weiß), Buchweizen, Roggen, Weizen, Dinkel, Emmer, Gerste, Nackthafer, Nacktgerste, Kresse
  • 9 Mitarbeitende (Voll- & Teilzeit, Azubis, Minijob) plus 3 in der Ökosaat Hessen e.K.