Portrait

Birkenhof: Vielfalt im Generationenübergang

Familie Jungclaussen gestaltet die Hofübergabe

von Adrian T. Meyer

Seit über 30 Jahren betreibt Familie Jungclaussen den Birkenhof in biodynamischer Wirtschaftsweise. Der Betrieb liegt im hügeligen Siegerland, ein Stück östlich von Wilnsdorf und nur knapp 20 Kilometer von Siegen entfernt. Die Höhenlage – der Betrieb liegt auf 400 m Höhe – und die Landschaft machen den großflächigen Anbau von Gemüse schwierig; der Hof ist daher seit jeher auf Grünland und Milchvieh ausgerichtet. Ein neuer Stall ist bereits im Bau.

Schon als Kind und Jugendlicher hatte Eckard Jungclaussen Kontakt zur Landwirtschaft und hat auf einem Hof in der Nachbarschaft ausgeholfen. Als er dann, während seines Zivildienstes auf dem Bauckhof, zum ersten Mal mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft in Kontakt kam, wurde ihm klar: „Biodynamisch ist meine Herausforderung, das will ich machen! Das fehlt im Siegerland!“ Nach der biodynamischen Ausbildung im Norden, von 1987 bis ’91, gründeten er und seine Frau Frauke, gemeinsam mit einer anderen Familie, den Verein Landwirtschaftliche Gemeinschaft Siegerland e.V. Der Plan war, einen Hof in der Nähe von Siegen zu kaufen und auf biodynamische Wirtschaftsweise umzustellen. Zuvor hatte Eckard den Hof gepachtet, wo er als Kind schon ausgeholfen hatte. Das war allerdings nicht entwicklungsfähig, weil der Besitzer keine Veränderungen wollte. Über die Landwirtschaftskammer wurde dann der Kontakt zum ehemaligen Besitzer des Birkenhofs hergestellt. Jener war verschuldet und wollte gerne den Hof als Ganzes verkaufen, anstatt die Flächen aufzuteilen. Am 4. Mai 1994 unterschrieben sie den Kaufvertrag für den Birkenhof und die Umstellung auf die biodynamische Wirtschaftsweise begann.

Eine Familien-GbR

In den vergangenen 30 Jahren sind mehrere Familien in die nach der Hofübernahme gegründete Betriebsgemeinschaft Birkenhof GbR ein- und wieder ausgestiegen. Heute betreibt nur noch die Familie Jungclaussen den Hof – eine Zwei-Generationen-GbR; Eckard und Frauke kümmern sich um das an den Hofladen angeschlossene Hofcafé und die Vermarktung, Sohn Arne leitet die Landwirtschaft und Tochter Inga hilft neben dem Studium noch im Hofcafé aus. Vor vier Jahren hat Arne seine Partnerin Johanna kennengelernt. Sie hatte ursprünglich Geografie studiert, aber dann angefangen, auf dem Hof mitzuhelfen; heute organisiert sie den Kuhstall und die -herde und hat viel Spaß daran gefunden, mit den Tieren zu arbeiten. Mit Familie, Mitarbeitenden, Auszubildenden und Praktikanten arbeiten rund 30 Personen auf dem Birkenhof.

Demeter, ja oder nein?

Arne hat seine Ausbildung 2017 bis 2019 in Limburg auf einem Bio-Ackerbaubetrieb und in Wittgenstein auf einem Bio-Milchviehbetrieb absolviert. Damals war noch nicht abzusehen, dass auf dem Birkenhof so schnell Raum für ihn wäre, da noch andere Familien vor Ort waren und sich um die landwirtschaftliche Arbeit gekümmert haben. Als diese aus der GbR ausschieden, hat Eckard ihm kurzerhand die Verantwortung dafür übergeben. Arne schätzt die Arbeit und die Entfaltungsmöglichkeiten auf dem Hof, weiß aber noch nicht, wie die Zukunft dort aussehen wird. Bei Bio will er auf jeden Fall bleiben, aber welchem Verband er sich in Zukunft zuwenden möchte, darüber ist er sich noch nicht im Klaren. Neben dem für ihn schwierigen Zugang zu den Präparaten ist der fehlende Austausch eine Herausforderung. Viele Demeter-Kollegen gibt es nicht im Umkreis und schon gar keine in seinem Alter. Auch das nur sporadische Vorhandensein von Beratung und fachlichen Informationen im Verband kritisiert er. Eckard steht zwar fest hinter der Biodynamie und dem Verband – schließlich ist er auch als Vorstand bei Demeter im Westen tätig – und würde es auch begrüßen, wenn sich der Birkenhof nicht von der Bewegung abwenden würde, aber das Ökologische ist ihm wichtiger als die Demeter-Ideale. Die Präparatearbeit durchzusetzen, wäre Arne gegenüber übergriffig; schließlich hat Eckard den gesamten landwirtschaftlichen Betriebsteil an ihn abgegeben.

Kuh-Kindergarten und Bruderhähne

Auf dem Birkenhof leben 30 rotbunte Milchkühe, plus Zuchtbulle und die gesamte Nachzucht – insgesamt rund 80 Tiere; seit kurzem ergänzen noch einige Braunvieh-Milchkühe den Bestand. Im Sommer sind sie auf der Weide; nur zum Melken geht es in den Stall. Früher gab es im Winter eine reine Heufütterung, die war aber wegen der kleinen Trocknungsanlage zu zeit- und arbeitsaufwendig; deswegen gibt es heute eine Mischung aus Mais- und Kleegrassilage. Die Kälber sind für die ersten drei Wochen bei der Mutter, danach geht es in den „Kuh-Kindergarten“, wo sie bis zum Alter von vier Monaten mit Eimern getränkt werden. Auf den Wiesen des Hofes sind auch noch Legehennen in zwei Mobilställen unterwegs. Die Junghennen der Rasse Lohmann Sandy kommen vom Hof Huster in Gütersloh und die Hähne werden im Rahmen der Initiative „Mein Bruderhahn“ vermarktet. Die zwei Zwergziegen Emma und Emily wohnen direkt gegenüber vom Hofladen und erfreuen die Besucher. Ein weiteres Highlight sind die beiden Eselinnen Kathrien und Lotti sowie die beiden Haflinger Pandora und Nero. Früher hatte der Betrieb noch eigene Bienen; sie leben immer noch auf dem Hof, aber heute kümmert sich ein externer Imker um sie, der konventionell arbeitet.

Für Grünland braucht es Milchvieh

Die Jungclaussens wollen keinen Stillstand auf dem Betrieb, sondern arbeiten aktiv in die Zukunft. Das Fundament für einen neuen Stall ist bereits fertig, der die Kapazitäten des Hofes für Milchvieh verdoppelt. Der alte Stall entspricht nicht mehr modernen Anforderungen, hier hätte sich eine Investition nicht gelohnt. Für rund 1,5 Mio. € soll der neue Stall entstehen, mit neuestem Stand der Technik. Er soll 65 Milchkühen plus Nachzucht Platz bieten – 130 bis 150 Tiere können dann insgesamt gehalten werden, das Jungvieh steht weiter im alten Stallgebäude.

Der neue Stall war laut Arne und Eckard alternativlos. Rund 100 ha Grünlandflächen erstrecken sich um den Betrieb und um diese adäquat zu bewirtschaften, braucht es das Milchvieh.

Arne ist sehr technikaffin; erst vor kurzem hat der Hof auf sein Anraten hin drei neue Maschinen besorgt. Mähdrescher, Güllefass mit Schleppschuhen und eine Press-Wickel-Kombination stehen jetzt u.a. in der Maschinenhalle. Mehr eigene Technik war notwendig; in der Umgebung gibt es nicht viele Kollegen im Ackerbau, mit denen man sich die Maschinen teilen könnte.

Die Photovoltaikanlage mit 99 kWh auf dem Dach und die neue Hackschnitzelheizung sorgen dafür, dass der Hof energetisch weitestgehend autark ist.

Breites Sortiment im Hofladen

Auf den Äckern wachsen neben Kleegras und Futtermais Getreide, Gemüse und Hackfrüchte. Getreide und Milch werden direkt auf dem Betrieb weiterverarbeitet. Das Korn wird nach Bedarf vor Ort auf einer Osttiroler Steinmühle gemahlen und in der hofeigenen Bäckerei entstehen daraus Brote und Backwaren. Das Gros der Milch bleibt auch auf dem Hof: Aus der Milch stellen die Mitarbeitenden in der Molkerei unter anderem Vollmilch, Speisequark, Frischkäse, Joghurt und Camembert her.

Die Schlachtung erfolgt extern im nur 40 Kilometer entfernten Bad Berleburg. Den Transport erledigt die Familie Jungclaussen selbst; das sorgt für weniger Stress bei den Tieren, da diese sich problemlos anfassen und am Strick führen lassen. Das Fleisch wird nur ein paar Orte weiter in der Metzgerei des Biokreis-Hofes Kapplermühle weiterverarbeitet.

Die Vermarktung läuft über den Hofladen und über Bestellkisten. Der Laden wurde im September umgebaut. Neue Wandgestaltung, neue Kühlmöbel und Regale geben dem Hofladen ein modernes Design. Die Kunden sind von der Auswahl begeistert: neben Brot und Backwaren gibt es Milchprodukte, Fleisch und Wurstwaren sowie Frischgemüse – fast alles direkt vom Hof! Das Angebot wird ergänzt durch Zukauf von Kollegen und dem Bio-Großhandel.

Was nicht vor Ort oder über Bestellkisten vermarktet wird, geht an Denns oder kleinere Biomärkte in der Region. Aktuell gehen drei Viertel der Milch in die eigene Verarbeitung und der Rest an die Upländer Molkerei. Nach dem Ausbau des Stalls und der Aufstockung der Herde auf rund 60 Milchkühe wollen sie 50/50 vermarkten: 30 Milchkühe für die Direktvermarktung auf dem Hof und 30 Milchkühe, deren Milch an die Molkerei geht. Das Molkerei-Geld ist dann vorerst für die Bank und die Abzahlung des Stall-Kredits gedacht.

Birkenzwerge und Altersgarten

Jungclaussens haben auf dem Betrieb auch die junge und alte Generation im Blick. 2019 gründeten sie den Waldorf-Waldkindergarten „Birkenzwerge“, in dem rund 20 Kinder das Geschehen auf dem Hof miterleben können und lernen, was es heißt, sich um Tiere zu kümmern und Gemüse anzubauen. Auf dem Hof gibt es auch jedes Jahr Plätze für Ausbildung (z. Zt. staatliche Ausbildung) und FÖJ (Freiwilliges Ökologisches Jahr). Auf der anderen Seite der Altersspanne steht der so genannte „Alter(s)garten“. Aus dem Gedanken der Generationenfolge entstand die Idee, altersgerechten Wohn­raum zu schaffen. Dafür steht auf dem Hof ein Niedrigenergiehaus mit vier kleineren und vier größeren barrierefreien Wohnungen zur Verfügung. Menschen, die sich im Ruhestand oder auf dem Weg dahin befinden – Mindestalter 60 Jahre – haben so auf dem Birkenhof die Gelegenheit, sich nach eigenem Ermessen in sinnvolle Tätigkeiten einzubringen.

Quo vadis, Birkenhof?

Einige offene Fragen und Herausforderungen bleiben den Jungclaussens noch. Auf dem Hof stehen zwei Gewächshäuser, von ehemaligen Teilhaberfamilien aufgebaut. Zurzeit werden diese noch von der Familie nebenher mitbewirtschaftet, aber wirklich Zeit und Energie ist hierfür nicht da. Ohne einen Gärtner ist der Gemüseanbau schwierig – sowohl in den Gewächshäusern als auch auf dem Feld. Ob sie die Gärtnerei vakant lassen oder jemanden dafür einstellen, wissen sie derzeit noch nicht. Generell ist sich Arne noch nicht sicher, ob sie die Vielfalt auf dem Hof nicht zukünftig arbeitsbedingt etwas einschränken müssen – Feldarbeit, Milchvieh, Gemüsebau, Verarbeitung und Vermarktung nehmen viel Kapazität in Anspruch. Und schlussendlich bleibt noch die Verbandsfrage, die in naher Zukunft auf dem Birkenhof eine Antwort sucht. Vollkommen einig sind die beiden sich aber vor allem darin: : Der Birkenhof soll ökologisch bewirtschaftet und wirtschaftlich gesund mit gepflegtem Erscheinungsbild in die Zukunft gehen. 

 

Adrian T. Meyer
Redaktion Lebendige Erde

Birkenhof, Wilnsdorf-Wilgersdorf

  • Demeter seit 1994
  • Eigentümer: Landwirtschaftliche Gemeinschaft Siegerland e.V.; Pächter und Bewirtschafter: Birkenhof eGbR
  • Ca. 400 m über NN, 920 mm NS / a, durchschn. 7,9 °C
  • LW-Nutzfläche: 135 ha; davon 100 ha Grünland, 33 ha Ackerland, 1 ha Hecken/Baumreihen/etc., ca. 2 ha Wald
  • Bodentypen: Braunerden und Parabraunerden (Schiefer­verwitterungsböden)
  • Bodenarten: sandiger Lehm (sL) und schluffiger Lehm (uL) mit Humusgehalten zwischen 4 und 8 %
  • Fruchtfolge: KG, KG, WW/Gemüse, Triticale/Erbse, Winterroggen (mit KG-Untersaat), KG, Kartoffeln, Dinkel (mit KG-Untersaat)
  • Tiere: bisher 30 Milchkühe Rotbunt Doppelnutzung und Braunvieh, 1 Zuchtbulle, ca. 50 Rinder und Kälber zur Nachzucht und Mast;
  • 2 Hühnermobile á 225 Legehennen Lohmann Sandy; 2 Pferde, 2 Esel, 4 Zwergziegen, Hunde, Bienen
  • Hofeigene Bäckerei, Milchverarbeitung
  • Vermarktung: Hofladen und Lieferservice
  • Hofcafé

Birkenhof 1, 57234 Wilnsdorf, www.birkenhof-siegerland.de/joomla/