Portrait
DER SPIRIT VON SEKEM
Economy of Love fördert Bauern
von KARIN HEINZE

Die ägyptische Nachhaltigkeitsinitiative Sekem hat in fast 50 Jahren ihres Bestehens ein überaus vielfältiges Unternehmen geschaffen. Auf der Basis biodynamischer Landwirtschaft bildet Sekem die gesamte Wertschöpfung ab und integriert mit dem Konzept “Wirtschaft der Liebe“ Ökologie, Ökonomie, Kultur und Soziales als gleichberechtigte Bereiche. Gründer Ibrahim Abouleish ließ sich für sein Zukunftsmodell von Goethe, der Anthroposophie, Koran und Hadith inspirieren. Die spirituellen Wurzeln gründen tief und werden intensiv gepflegt.
„Circles“ spielen in dieser internationalen, inter-spirituellen Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Erlebbar sind sie in den kleinen und großen Runden im vielschichtigen Organismus Sekem. Die Verantwortlichen stimmen sich rund ums Jahr, morgens um 6:30, mit Steiners Wochensprüchen in den Sprachen der Anwesenden und dem Lesen unterschiedlichster Texte auf den Tag ein. Die mehr als 2000 Mitarbeitenden treffen sich täglich in jedem Bereich, ob Landwirtschaft, verarbeitende Unternehmen, Schule oder Ausbildungsstätten zum Morgenkreis. Donnerstags kommen alle im großen Ibrahim Abouleish Circle zusammen, zu Festen im Amphitheater – hier werden Gemeinschaft und der Spirit von Sekem zelebriert.
Economy of Love – Wirtschaft der Liebe

Ohne kulturellen und sozialen Impuls kann Wirtschaft nicht gedeihen, so die Überzeugung von Ibrahim Abouleish (1937-2017). Die ersten Anschaffungen in Sekem waren 1977 ein Traktor und ein Klavier. Abouleishs Vision eines ganzheitlich-nachhaltigen Zukunftsmodells, Wirtschaft der Liebe (Economy of Love) genannt, gründet auf vier gleichberechtigten Dimensionen – Ökologie, Ökonomie, Kultur und Soziales –, die ineinandergreifen, sich gegenseitig befruchten und der individuellen Entwicklung jedes einzelnen Gemeinschaftsmitglieds dienen sollen. Der Name stammt nicht von Abouleish selbst, sondern ein Mitarbeitender der ersten Stunde hat ihn geprägt.
Die Economy of Love (EoL) ist an der von Sekem initiierten Heliopolis Universität (HU) für nachhaltige Entwicklung in Kairo sogar Gegenstand der Forschung. Die junge Ägypterin Aya Mamdouh erklärt mit großer Sachkenntnis und Leidenschaft die Zusammenhänge und zeichnet dabei die vier Dimensionen der „EoL-Nachhaltigkeitsblume“ auf ein Flipchart. Die ökologische Ebene mit der biodynamischen Landwirtschaft, die Wüstenland fruchtbar macht, das Wirtschaftsleben, wo die landwirtschaftlichen Erzeugnisse veredelt und vermarktet werden. Eng verzahnt, der soziale und kulturelle Bereich, mit den Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Universität sowie dem Core Programm für Mitarbeitende mit künstlerischen und Weiterbildungsangeboten, finanziert durch den Umsatz der Sekem-Unternehmen und Spenden. Aya ist ein beeindruckendes Beispiel für die fachkompetente Nachwuchsgeneration. Sie hat nach ihrem Studium „Organic Agriculture“ an der HU, beim ägyptischen Demeter-Verband EBDA (Egyptian Bio-Dynamic Association) die Standards für die EoL-Zertifizierung mitentwickelt. Das Logo steht neben dem Demeter-Zeichen auf Sekem-Produkten, Zertifizierung und Kontrolle liegen bei der EBDA.
Die Inspiration für die Wirtschaft der Liebe liefert Steiners „Assoziatives Wirtschaften“: Alle Beteiligten der transparenten Wertschöpfungskette, Erzeugende, Verarbeitende, Handelnde und Konsumierende erhalten, basierend auf ethischen Prinzipien und fairem Handeln, ihren gerechten Anteil. Denn „Geld soll im Umlauf bleiben und dem Wohl der Menschen dienen“, so beschreibt es der Sohn des Gründers, Helmy Abouleish (64), der schon in jungen Jahren – seit den Anfängen 1977 – die Gemeinschaft mit aufgebaut hat und die Sekem-Vision weiterträgt. Wie im islamischen Hadith, der Quelle für die praktische Umsetzung des Korans, beschrieben, soll das Einhalten der Regeln jedem ein gutes Auskommen für ein friedliches Zusammenleben sichern. Von Sekem profitieren die über 2000 Mitarbeitenden, das sind mit Familien über 23.000 Menschen, die Zusatzangebote wie Bildung, Kunst, Kultur, medizinische Versorgung genießen, die Kleinbauern auch Finanz-Hilfen und Beratung für die Umstellung.
Dank CO2-Zertifikaten können Bauern umstellen

In einem Land wie Ägypten, das zu 95 % aus Wüste besteht, ist Landwirtschaft eine große Herausforderung. Sekem zeigt, dass Biodynamik Wüste fruchtbar machen kann. Mit Aufforstung, Wasser aus Tiefbrunnen, das mittels Solarenergie aus den Tiefen des Wüstenbodens emissionsfrei gefördert wird, mit hohen Kompostgaben, konsequenter Anwendung der Präparate und enormer Durchhaltekraft haben die Sekemer über die Jahre fruchtbaren Humus aufgebaut, genug für die Selbstversorgung und um Rohstoffe für die Weiterverarbeitung zu erzeugen. Nicht zuletzt haben über 650.000 gepflanzte Bäumen und die Umstellung von 40.000 Kleinbauern dazu beigetragen, dass erhebliche Mengen an CO2 gebunden werden – aktiver Klimaschutz, der gewinnbringend eingesetzt wird.
Helmy Abouleish ist seit 1985 Geschäftsführer der Sekem Holding, er war einige Jahre Präsident von Demeter International und sitzt unter anderem im Vertrauensausschuss des internationalen Netzwerks für zukünftige Entwicklung „World Goetheanum Association“ (WGA). Gemeinsam mit dem Zukunftsrat entwickelt er die Sekem-Vision weiter und freut sich, eine sinnvolle Lösung für die Umstellung von Kleinbauern gefunden zu haben – den Verkauf von Kohlenstoff-Zertifikaten. „Unsere Maßnahmen, Aufforstung, Kompostwirtschaft und die biodynamische Wirtschaftsweise tragen zur Bindung von Kohlenstoff bei. Das können wir messen, zertifizieren und Unternehmen als Carbon Credits für den Ausgleich von Emissionen anbieten. Dadurch generieren wir ein bedeutendes Zusatzeinkommen für die Kleinbauern, das sie brauchen, um auf dem heimischen Markt mit ihren Bio-Produkten wettbewerbsfähig zu sein“, sagt Helmy. Die Erfahrungen seien bisher sehr positiv, der Anreiz für die Kleinbauern umzustellen sei groß: „2022 waren es 20.000 Kleinbauern, bis Ende 2025 wird sich die Zahl verdoppelt haben“, erklärt er. Er hält es sogar für realistisch, dass sich die Zahl der Bio-Bauern bis 2030 auf 250.000 erhöht, mit etwa einer Million Hektar Fläche und Kohlenstoff-Zertifikaten im Wert von 9,6 Millionen Euro, Geld, das zurück an die Bauern fließt. Die ambitionierte Vision, die Helmy als Ziel bis 2057 gerne erwähnt, ist, alle sieben Millionen ägyptischen Kleinbauern auf bio umzustellen und das erfolgreiche Konzept auch in anderen Ländern umzusetzen.
Mit Agroforst, Biodynamik und externer Expertise zum Erfolg

Fragt man Angela Hofmann, die seit knapp 40 Jahren die Landwirtschaft aufbaut und den Agrarbereich leitet, erklärt sie den Sekem-Ansatz so: „Unsere Basis ist der Landwirtschaftliche Kurs. Wir halten es jedoch für wichtig, diese Grundlage für unsere besonderen Gegebenheiten hier weiterzuentwickeln, uns auch mit anderen Methoden auseinanderzusetzen.“ Wie Ibrahim Abouleish es vorgelebt hat, arbeite die Gemeinschaft nach dem Friedensprinzip, suche nach dem Verbindenden, nicht nach dem Trennenden, nach Gemeinsamkeiten in verschiedenen geistigen Strömungen und nach immer neuen Quellen der Erkenntnis. „Lebenslanges Lernen in der praktischen Arbeit und in der Forschung“, sagt Hofmann. Sekem lasse sich gerne inspirieren, und was passend scheint, werde ausprobiert und so verfeinert, dass es auch an bereits umgestellte und umstellungswillige Bauern weitervermittelt werden kann.
Als Beispiel führt sie das Konzept des Schweizer Agroforst-Pioniers Roland Frutig an, der den Sekemern seine Erfahrungen in Nigeria und Indien vorstellte. „Das hat uns überzeugt, denn früher war Agroforst auch hier üblich, auf jedem Feld standen Palmen, Mangobäume usw. und darunter die Feldkulturen. Wir wollen das wieder einführen, es ist perfekt geeignet für unser Klima und die Böden hier“, erklärt sie. Die Erfahrung, welch wertvollen Beitrag Bäume leisten, macht Sekem ohnehin schon seit Jahrzehnten. „Bestimmte Baumarten, die gut mit der Hitze und Trockenheit zurechtkommen, holen das Wasser aus den tieferen Bodenschichten nach oben und machen es für die Feldkulturen verfügbar, zudem schaffen Beschattung und Verdunstung ein günstiges Mikroklima. In der Folge kommen wir mit viel weniger Bewässerung aus“, berichtet sie. Der Prozess wird wissenschaftlich von der HU begleitet. Angela ist begeistert davon, wie sich vor allem die jungen Studentinnen von der Fakultät „Organic Agriculture“ einbringen: „Die Jungen sind sehr enthusiastisch und haben gute Ideen.“ Deshalb freut sie sich im Hinblick auf die Zukunft, Verantwortung in ägyptische Hände abzugeben. So wie die Umstellungstrainings für die Kleinbauern, deren Projektleitung sich Naglaa Ahmed erarbeitet hat – sie ist auch Bindeglied zu Demeter International – oder die Weiterentwicklung im Bereich der Zertifizierung nach Economy of Love Standards oder die Carbon Credits, wo Aya aktiv ist. Seit einiger Zeit wird der Kurs „Mindful Leadership“ zur Weiterbildung angeboten und stößt auf unerwartet großes Interesse. „Viele unserer jungen Leute nehmen das Angebot an, ihr Potenzial zu entwickeln, weshalb wir sehr zuversichtlich sind, dass unser Wunsch, mehr ägyptische Führungskräfte in verantwortlichen Leitungspositionen zu etablieren, gelingt“, sagt Hofmann.
Zu erleben ist das auch in Wahat, der 600 Kilometer von Sekem entfernten Wüstenfarm am Rand einer Oase der Westsahara. Vor einigen Jahren konnte das Land mit zwei weiteren Standorten, Minja und Sinai, mit Hilfe von Krediten alternativer Banken (GLS, Triodos, Oikocredit) erworben werden. In Wahat betreuen auf den knapp 1000 Hektar junge, gut ausgebildete Agraringenieure den Anbau von Datteln, Feigenkaktus, Kamille, sind für den Kompost und den Kuhstall zuständig. Andere Fachkräfte arbeiten in der Bäckerei, im Labor, im Gästehaus, in der Schule. Die Angehörigen der Mitarbeitenden werden integriert: immer mehr Kinder aus den umliegenden Oasen kommen in den Wahat-Kindergarten und die Schule, die nach Waldorfprinzipien arbeiten. In dem kleinen Wüstenort entsteht eine Bildungs- und Kultur-Infrastruktur und eine Gemeinschaft nach dem Sekem-Modell. Auch der tägliche Morgenkreis und weitere „Circles“ gehören dazu. Hier bildet sich Eigenständigkeit, Verantwortung und Vertrauen nach der Idee der Economy of Love.
Die Sekem-Initiative gliedert sich in die Sekem Holding, einen gemeinschaftlichen Bereich und kulturell-gemeinnützige Institutionen:
Die neun Unternehmungen der Holding in den Bereichen Ökonomie
(ISIS-Organic, ATOS-Pharma, Nature Tex, Lotus und Lotus Upper Egypt) sowie Ökologie (Landentwicklung, Herdenmanagement, Pflanzenzucht, Labore) schaffen die wirtschaftliche Grundlage, auf der im Rahmen der eigenen Entwicklungsstiftung Kindergarten, Schulen, Medical Center, Arbeit mit Betreuten, die Heliopolis Universität und weitere gedeihen können. Gemeinschaftseinrichtungen sind darüber hinaus Mitarbeitervertretung, Ethikkodex, Frauenförderung und Mitgliedschaft IAP.
Zukunft entwickeln – Sekems neue Visionen
Ursprünglich für sein Heimatland Ägypten konzipiert, ist die Sekem-Idee längst zum Leuchtturm und Best Practice für nachhaltige Entwicklung in Afrika und weltweit geworden. Das EoL-Konzept, Wirtschaft neu und anders, ganzheitlich und auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden zugeschnitten zu denken, zu leben und weiterzuentwickeln, hat über die fast 50 Jahre des Bestehens eine beeindruckende Dynamik entwickelt. Die oberste Prämisse der Wirtschaft der Liebe, jedem Mitglied der Gemeinschaft die Möglichkeit zu geben, seine Persönlichkeit und seine Talente zu entwickeln und zu entfalten, wird vielfältig und kreativ umgesetzt. Doch Sekem bleibt nicht stehen. Kontinuierlich werden zukunftsweisende, innovative Ideen in den Dimensionen Ökologie, Ökonomie, Kultur und Soziales der vielschichtigen Gemeinschaft ausprobiert, werden angepasst und ermöglicht, maßgeblich unterstützt durch ein breites Netzwerk von Geschäftspartnern, Institutionen und durch die Fördervereine „SEKEM-Freunde“.
Nach dem Tod des Gründers Ibrahim Abouleish 2017, im Jahr des 40. Geburtstags Sekems, stellte sich die Aufgabe, die Gemeinschaft und die Unternehmensgruppe in die Zukunft zu führen und Ziele für die nächsten 40 Jahre zu entwerfen und den Generationswechsel vorzubereiten. Obwohl das Fundament solide und die Menschen, die es im Laufe der Jahre mit ihrer Expertise und ihrer Liebe weitergebracht haben, vielfältig und groß ist, brauchte es neue Visionen. Die Ergebnisse intensiver Arbeitskreise sind detailliert in den 16 Sekem Vision Goals (SVG) zusammengefasst, die auch die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals) einbeziehen. Bis 2057 sollen die Transformationsziele und der angestrebte Systemwandel Stück für Stück umgesetzt werden. „Sekem ist dann ein internationales Kompetenzzentrum für ganzheitliche nachhaltige Entwicklung, ein Modell für echte Transformation in allen Feldern der Nachhaltigkeit. Wir wollen eine Bewegung anführen, die die ganze Welt erfasst“, erklärt Helmy und strahlt dabei einen unglaublichen Optimismus aus, der viele andere – nicht nur in Sekem – mitnimmt. Er vermittelt Kraft und Hoffnung, dass die Transformation hin zur Wirtschaft der Liebe trägt, gelingt und ausstrahlt. •
Karin Heinze
Be in Organic
BiO-Reporter-International.net
SEKEM LANDWIRTSCHAFT
- Landwirtschaftliche Fläche (Sekem, Wahat, Minja, Sinai): 2.500 ha
- Farmen mit Zertifizierung der EBDA (Egyptian Bio Dynamic Association): 12.200 ha Fläche
- Niederschläge pro Jahr: 14 - 20 mm
- Tierbestand Kernfarm: 180 Rinder (Milchkühe, Masttiere, Kälber), ca. 400 Schafe, 800 Hühner, 2.000 Bienenvölker
- Arbeitskräfte in der Landwirtschaft/Garten in Sekem: 200 Festangestellte, Saisonarbeiter nach Bedarf
- Gepflanzte Bäume: 650.000
- CO2 Bilanz 2023: Speicherung ca. 21.000 t, Emissionen 4.000 t